Die Frage nach Literatur für alle, die Sardinien auf zwei Rädern erkunden wollen, ist schnell beantwortet: Es gibt Zweirad-Reiseführer, aber eigentlich braucht man so etwas nicht, denn … Sardinien ist generell ein Paradies für Zweiradfahrer. Es macht keinen Unterschied, ob das Zweirad einen Motor hat oder nicht. Es spielt auch keine Rolle, ob man Straße oder Gelände bevorzugt. Überall finden sich reizvolle und höchst abwechslungsreiche Strecken!  Ich stelle daher hier eine Budoni-Tour vor. Es ist eine von Hunderten, wie man sie willkürlich zusammenstellen kann:

Ich wohne in Luttuni. Das ist ein winziges Hirtendorf in den Bergen hinter Budoni. Vor dreißig Jahren war es noch verlassen und dem Verfall preisgegeben. Danach wurde es nach und nach wieder besiedelt. Einer dieser Siedler war ich. Ich starte also hier*.

Über die Küstenstraße SS 125* erreiche ich Posada. Im historischen Zentrum unterhalb der Burg italienisches Frühstück mit CC ( Cappuccino + Croissant.) Dann weiter nach Siniscola und an den Fuß des Monte Albo. Jetzt geht es richtig los: Neun Kilometer Serpentinen erwarten mich, um von 100 auf 1100 Höhenmeter zu kommen. Dann bin ich auf dem Monte Albo. Unterwegs halte ich mehrfach an, um die atemberaubende Aussicht zu genießen. Oben macht die Straße einen Bogen um das Gebirgsmassiv, bleibt aber auf 1000 Meter Höhe und führt nur noch durch so gut wie unberührte Natur. Dann wechselt dass Panorama. War es in den Serpentinen der Blick auf Küste und Meer, so beeindruckt mich hier die Aussicht auf Landschaft, nichts als Landschaft! Zur Linken aufsteigende Gebirgskette, zur Rechten bis an den Horizont Mittelmeermacchia. Einige Schafherden, ein paar Schäfer und Feldwege, die jeden Off-Roader jauchzen lassen. Ich bleibe auf der gut asphaltierten SP3* und kehre nach 10 Kilometern an der ersten „casa cantoniera* ein. Hier logiert die „Montalbo-cooperativa“*, die sich dem Landschaftsschutz widmet, aber auch für Touristen Bergtouren anbietet und lokale Verpflegung bereithält. Ich esse daher ein wenig Fladenbrot, Schafskäse, sardische Salsiccia und lasse mir von den Mitgliedern der Cooperative erzählen, was das Besondere dieser Gegend ist. Dazu gehört Mineralwasser, das ich direkt (!) aus der nahen Quelle trinke.  Herrlich, erstklassig! (Wenn ein Weintrinker sich so euphorisch äußert, sagt das eigentlich alles!)

Danach geht es weiter nach Lula. Hier ändert sich die Landschaft ganz urplötzlich. Übrigens ein sardisches Phänomen, dieser abrupte Wechsel verschiedener Landschaftsformen. Die Straße führt wieder um das Gebirgsmassiv herum und fällt über 15 Kilometer auf 100 Höhenmeter ab. An der SS 131* habe ich die Wahl, in 20 Minuten auf der Schnellstraße wieder nach Hause zu kommen oder einen Umweg über Irgoli nach Capo Comino zu machen. Hier gebe ich mal richtig Gas, denn die Straße von Irgoli nach Capo Comino lädt ein, sich einmal so richtig den Fahrtwind um die Nase wehen zu lassen! Über Capo Comino habe ich schon berichtet. Ich mache es mir in den Dünen gemütlich und nehme ein Bad. Danach über die Küstenstraße nach Hause.

porto rotondo sardinienIch sagte eingehend,  diese Tour sei „willkürlich“. Damit will ich sagen, dass es eigentlich gar keine Rolle spielt, von wo und in welche Himmelsrichtung ich starte: Sardinien ist schlichtweg ein Traum für den begeisterten Zweiradfahrer, eigentlich noch mehr: Das gelobte Land!

Ob kurvige Küstenstraßen oder Touren durchs Gebirge, ob dichte Korkwälder oder Sandstrände. Sardinien bietet von allem etwas und mehr. Der Oberboss für das sardische Straßenkonzept war garantiert ein Motorradfreak. Anders ist das für Zweiräder so perfekte Straßennetz nicht denkbar: Genial geschwungene Kurven, griffiger Asphalt und im Inneren der Insel kaum Verkehr. Mir sind auf der Strecke von Siniscola bis nach Lula ganze zwei (!) Pkw entgegen gekommen!

Meine Tour war ein Tagesritt. Mir reicht das eigentlich. Aber man kann genau so gut länger unterwegs sein.

porto cervo sardinienMein Freund Andreas ist eine ganze Woche unterwegs gewesen. Er ist aus Deutschland angereist. Nein, nicht mit Hänger und Pkw, sondern er ist bequem von Berlin geflogen und hat sich seine BMW ganz komfortabel nach Olbia kutschieren lassen.  Von dort aus ging´s erst einmal an die Costa Smeralda nach Porto Cervo – Glanz und Glamour inklusive. Andreas hat mir natürlich gleich erzählt, welchen Promis er im Billionaire begegnet ist, denn die Promidichte ist in Flavio Briatores Nobel Club sehr hoch. Wer es teuer und edel mag, fühlt sich hier wohl! Angesichts der nicht ganz billigen Unterkünfte an der Costa Smeralda (z.B. schlappe 800 € im „Cala di Volpe“) ist Andreas aber dann doch lieber ins Landesinnere ausgewichen, um nach Castelsardo und Alghero zu düsen. Beide Städte zählen zu den wenigen richtig schönen sardischen Ortschaften und insofern sind sie eine echt gute Wahl. Auch Bosa ist ok. Danach weiter die Westküste entlang gen Süden. Dort hat er in Oristano das berühmte Weingut „Contini“ besucht und in Guspini Station gemacht. Richtung Iglesias ist mein Freund dann die Strecke gefahren, die in den gängigen Reiseführern als die beste ganz Sardiniens hochgejubelt wird, weil sie wirklich extrem kurvig ist. Weiter ging´s anschließend auf die Insel Antioco ganz im Südwesten der Insel. Wieder zurück nach Guspini und rüber nach Arbatax an die Ostküste. In Oliena ist er schließlich auf den Monte Corrasi gefahren. Eine echtes Erlebnis! Das ist eine Offroadsrecke, die schon beim Anblick schaudern macht, weil sie auf engem, ungesicherten Pfad in einer steilen Felswand verläuft und bei ca. 1500 Metern endet.  Oben angekommen, kann man auch schon mal Gänsegeier beobachten.  Den Rückweg hat Andreas über den Monte Albo genommen, ist also teilweise die von mir oben beschriebene Strecke gefahren, um wieder von Olbia nach Berlin zu fliegen.  Er schwärmt immer noch von seinem Ausflug und davon, dass sein seitliches Reifenprofil – nicht die Mitte – noch nirgendwo so beansprucht worden sei wie in Sardinien.

Es gibt wirklich viele tolle Touren in Sardinien! Ob man als Motorradfahrer, Biker, Offroader nach Sardinien soll? Man muss! Egal, wo, wie und womit! Es gilt: „Get your motor runnin´…“ (nach Born to be wild von Steppenwolf)

Hier noch ein paar Zusatzinformationen für meine Leser:

Wer einen Sardinienurlaub auf zwei Rädern plant, kann alles Wissenswerte dazu mühelos googeln.  Ich selber halte es aber lieber individuell, und darum habe ich ein ganz persönliches Erlebnis erzählt, das beispielhaft für viele andere stehen kann, wenn man die ausgetretenen Pfade verlässt. Nur Mut!  Auch wenn ich nicht auf Fahrräder eingehe: Das Geschilderte gilt ebenso für Radfahrer.

Natürlich ist es schöner, mit der eigenen Maschine anzureisen, aber man kann sich in Olbia auch gute Motorräder leihen. Wer sich – wie Andreas – seine Maschine nach Sardinien bringen lässt, hat es besonders bequem.  Das kann aber auch preislich interessant sein, nämlich dann, wenn die Alternative „Pkw + Anhänger“ hieße. Richtig günstig ist natürlich die direkte Anreise mit dem Motorrad, weil die Fähre – je nach Saison – schon für 15 € pro Strecke zu haben ist.

Mit einem sardischen “Adiosu” verabschiedet sich für heute

Joachim Waßmann

 

Anmerkungen *

Wer meine Route auf der Karte verfolgen will, klickt hier:  Route Luttuni – Capo Comino

SS 125 steht für „strada statale“ und entspricht unserer Bundesstraße
SP 3  steht für „strada provinciale“ und entspricht unserer Kreisstraße
Casa cantoniera heißen die über ganz Italien verteilten, auffällig rot gestrichenen Häuser der Straßenmeisterei. Sie waren vor langer Zeit einmal Relaisstationen für den Pferdewechsel. Heute sind fast alle dem Rotstift zum Opfer gefallen und aufgegeben worden. So auch hier.
Cooperativa: Dahinter steht in diesem Fall eine von der EU geförderte Maßnahme zur Verringerung der Jugendarbeitslosigkeit.