Inside Sardinien

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(Neulinge in diesem Thema sollten mit Teil 1 beginnen)

Dass Graziano Mesina es schaffte, das Kriminellen-Image abzustreifen, ist für mich ohne den  damaligen linken Zeitgeist nicht denkbar. In den Sechzigern und Siebzigern des 20. Jahrhunderts waren Mao, Fidel und Che die Guten, Amerika und sein Vietnamkrieg aber das personifizierte Böse. Ein Mesina kam da gerade recht, um auch Italien als „Hort des Imperialismus“ ins Visier zu nehmen.  Aber war er wirklich der Akteur, zu dem man ihn zu stilisieren versuchte?

Nach dem Ehrenmord im Jahr 1962 wurde Mesina zu 24 Jahren Haft verurteilt. Im Januar 1963 misslang ein erster Fluchtversuch aus dem Gefängnis in Nuoro. 1964 schaffte er es, aus einem fahrenden Zug zu fliehen, der ihn zu einer Gerichtsverhandlung bringen sollte.  Freiheit und Freude darüber waren aber immer nur von kurzer Dauer.  Man erkannte seine Gefährlichkeit, und um ihm die Möglichkeit zu nehmen, das Umfeld für Fluchtversuche zu sondieren, wurde er regelmäßig in neue Gefängnisse verlegt. Trotzdem versuchte er es immer wieder. Dabei war er überaus trick- und erfindungsreich. Besonders 1966.

gefaengnis_sassariDa fand er in einem spanischen Fremdenlegionär einen kongenialen Partner. Die beiden seilten sich aus dem als besonders sicher geltenden Zuchthaus in Sassari ab. Hier hatte Graziano als Sarde „Heimvorteil“, und so gelang es ihm, abzutauchen. Mit mehreren Entführungen, einmal sogar in der Verkleidung als Polizist, raubten die beiden Knackis ein millionenschweres Vermögen zusammen.

„Grazianeddu“, wie ihn seine Landsleute zärtlich nannten,  verlor bei all diesen Aktionen nicht die Sympathien der Sarden. Im Gegenteil. Die Aktionen waren so gewagt, so dreist und so spektakulär, dass seine „Leistungen“ mehrfach verfilmt wurden. Dem Film „Barbagia“ zum Beispiel liegen seine „Abenteuer“ zugrunde. Mit Terence Hill in der Hauptrolle als „Graziano Cassitta“. Allerdings wendet sich hier die Bevölkerung von ihm ab, als der Film-Mesina einen armen, ehrlichen Mann entführt. Der verliert dadurch die Glaubwürdigkeit, die sich der echte Mesina noch Jahrzehnte erhalten kann.

Die Bilanz war beachtlich: Bis zur Festnahme 1968 wurde den beiden Banditen  eine stattliche Serie von Verbrechen zur Last gelegt: 28 Morde, 20 Mordversuche, 16 Entführungen und 22 Raubüberfälle. Meine sardischen Freunde glauben das nicht. Es sei eher so, dass die Polizei etwas zu großzügig Schuldscheine verteilt habe. Richtig ist, dass im Kampf mit den Banditen 7 Polizisten fielen, aber auch sein spanischer Kumpan. Mesina schickte ihm rote Rosen aufs Grab und schwor, ihn zu rächen.

Mesina_GewehrIn das Jahr 1968 fällt auch ein Besuch Feltrinellis* in Sardinien. Der hatte die Vision, Sardinien zu einem Kuba des Mittelmeeres zu machen. Von Sardinien aus sollte die Revolution Europa überrollen, und Mesina sollte – wie Che Guevara –  die Revolutionstruppen kommandieren. Bevor es jedoch zu dieser fragwürdigen Beförderung kommen konnte, landete Mesina erneut im Knast. Jetzt begann für ihn eine lange Odyssee durch die Hochsicherheitsgefängnisse Italiens, immer begleitet von Ausbruchsversuchen.  Gelacht wurde in ganz Italien über seinen Trick, wie er den Verrückten spielte, um als psychisch Verwirrter leichter fliehen zu können.

Während er einsaß, wurde 1976 sein Bruder Nicola ermordet. Banditen hatten seinen LKW angehalten, auf dem er mit anderen Arbeitern unterwegs war. Sie zwangen ihn auszusteigen und erschossen ihn vor den Augen seiner Kameraden. Graziano beantragte, an der Beerdigung teilnehmen zu dürfen. Es wurde ihm verweigert. In seinen Augen war das ein erneutes Unrecht, das ihn verleitete, jetzt erst recht über Fluchtplänen zu brüten. Dabei verfiel er  „Freunden“, mit denen er normalerweise niemals zusammengegangen wäre; denn eigentlich war er völlig unpolitisch.

Die Rede ist von den Roten Brigaden. Das waren gewaltbereite Linksterroristen, die das Vorbild für die in Deutschland aktive Baader-Meinhof-Gruppe RAF waren. Im August 1976 brach er mit inhaftierten Mitgliedern der Roten Brigaden  aus. Die meisten Sarden freuten sich über Grazianeddus neuen „Coup“ und erwarteten,  dass er nun nach Sardinien zurückkehren werde, um seinen Bruder zu rächen. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie meine sardischen Freunde mir mit echtem Stolz prophezeiten, was jetzt alles passieren werde. Ich spürte deutlich: Sie standen hinter dem Racheengel und waren einverstanden mit dem, was er nach ihrer Erwartung tun würde.

Tatsächlich aber blieb er auf dem Festland und schloss sich den  Roten Brigaden an.  Den Terroristen kam sein „Fachwissen“ als Entführer zugute.  Ihm gelang es, mehrere Industrielle zu entführen. Er ließ aber deren „Hinrichtung“ nicht zu, sondern setzte durch, sie nach erfolgter Zahlung freizulassen. Die Entführung von Frauen und Kindern hingegen lehnte er als unehrenhaft ab. Ausdrücklich verurteilte er die Entführung der Kinder des deutschen Journalisten  Kronzucker, die zeitgleich in diese Phase seiner Vita fiel. Der Kampf an der Seite der Roten Brigaden brachte ihm dafür die Sympathie des linken Pressespektrums ein.

Steckbrief_MesinaSeine Popularität wuchs, obwohl sein Steckbrief überall in Italien hing und auf seinen Kopf eine Rekord-Belohnung ausgesetzt war.  Sein Umfeld ließ sich davon nicht korrumpieren. Im Gegenteil! Er bekam Fanpost, zumeist von Verehrerinnen, und keiner wollte sich die hohe Belohnung verdienen. Mehr noch: Er avancierte zum Volkshelden. Auf den dörflichen Kirchweihfesten* in Sardinien wurde er als einsamer Kämpfer besungen, der den Staat narrt und deren „Handlanger“ bestraft.

Als er 1977 erneut eingekerkert wurde, hatte er schon das Image eines Revoluzzers im Che-Guevara-Stil. Wie es damit jedoch in Wirklichkeit bestellt war, zeigte sich anlässlich eines Hafturlaubes, der ihm 1984 gewährt worden war. Er verpasste die rechte Zeit für die Rückkehr und wurde aus dem Bett einer seiner Brieffreundinnen geholt, mit der er sich – ganz unpolitisch – ein romantisches Weekend gegönnt hatte. Das brachte ihm weitere 6 Monate ein, so dass er erst 1992 auf Bewährung mit der Auflage freigelassen wurde, nicht nach Sardinien zurückzukehren.

Er ließ sich daher in der Nähe von Asti im Piemont nieder. Dort besuchte ihn im gleichen Jahr Indro Montanelli*, nach Jean Paul Sartre die zweite Geistesgröße, die damals dem Linksterrorismus Reputation verschaffte. (Sartre hatte Baader/Meinhof medienwirksam im Gefängnis Stammheim besucht und die Gruppe damit intellektuell aufgewertet.) In gleicher Absicht kümmerte sich jetzt Italiens berühmtester Journalist um Mesina und bot ihm seine Hilfe an. Das Ergebnis der Fürsorge war eine Autobiografie, die den Banditen zum Poeten machte.

Es ist bekannt, dass Mesina arg darunter litt, nicht in seine sardische Heimat zurückkehren zu dürfen. Ein Zufall kam ihm zu Hilfe, doch nach Hause zu kommen:

An der Costa Smeralda war im Januar 1992 ein siebenjähriger Junge von Gangstern entführt worden. Weil der kleine Farouk Kassam nach Meinung der Entführer ein Verwandter des Aga Khan war, präsentierten die Kidnapper eine absurd hohe Lösegeldforderung. Die Verhandlungen gerieten schon bald in eine Sackgasse, weil der Vater nicht besonders reich war und der italienische Staat alle Konten der Eltern eingefroren hatte. Das war unumgänglich, weil kurz zuvor zur Eindämmung der Entführungskriminalität ein entsprechendes Gesetz erlassen worden war. Als die Entführer unbeeindruckt von der Verhandlungstaktik der Polizei blieben und dem Jungen sogar einen Teil des Ohres abschnitten, schaltete sich Mesina ein.

Seine Rolle als Vermittler ist nie geklärt worden. Er hatte zwar kein offizielles Mandat, aber die Tatsache, dass man ihm erlaubte, auf die Insel zurückzukehren, ist Indiz dafür, dass der Staat um seine Hilfe gebeten hat. Offenbar erfolgreich: Das Kind kam bald darauf im Juli 1992 frei. Über das Wie aber streiten sich bis heute die Gelehrten. Die Polizei feierte ihren Sieg, Mesina den seinen. Während die Polizei erklärte, kein Lösegeld gezahlt zu haben, behauptete Mesina, die Polizei hätte mit seiner Hilfe den Entführern umgerechnet 1 Million Euro zukommen lassen.  Damit beschuldigte Mesina die Polizei nicht nur der Lüge, sondern auch, gegen geltendes Recht verstoßen zu haben. Beweisen ließ sich weder das eine noch das andere.

In Budoni erklärten mir meine Freunde dazu, dass alles ganz sonnenklar sei: Die Polizei habe sich mit fremden Federn schmücken wollen. Man habe Mesina schlicht und einfach den Erfolg missgönnt. Man hätte sich einfach nur bei ihm bedanken müssen, dann wäre alles paletti gewesen. So aber habe man ihn gezwungen, die Wahrheit publik zu machen, und die sei wenig schmeichelhaft gewesen. Später hätte man sich dann bei ihm dafür revanchiert. Bei einer Hausdurchsuchung wollte die Polizei eine Kalashnikov und andere Waffen bei ihm gefunden haben. Die aber seien ihm, ganz wie er selber beteuert habe, aus Rache für die Bloßstellung nur untergeschoben worden. Zu diesem Zeitpunkt sei er längst harmlos gewesen und hätte für derartige Utensilien gar keine Verwendung mehr gehabt.

Ich habe niemals unterscheiden können, wo in Mesinas Geschichte Dichtung und wo Wahrheit beheimatet ist. Jedenfalls saß er jetzt richtig in der Tinte: Die Verurteilung wegen unerlaubten Waffenbesitzes führte zum Widerruf der Bewährung, und nach italienischem Gesetz mussten nun alle aus unterschiedlichen Anlässen verhängten Strafen addiert werden. Die summierten sich auf stolze 38 Jahre, die jetzt hinter schwedischen Gardinen auf ihn warteten.

Daraus gab es nur einen einzigen Ausweg, nämlich ein Gnadengesuch beim Präsidenten der Republik. Es wird seinem Stolz nicht gut getan haben, derart zu Kreuze zu kriechen, aber er ist diesen Weg gegangen. Das Verfahren zog sich über mehrere Jahre hin. Am 25. November 2004 wurde er schließlich – gegen massiven Widerstand, auch dem von Giovanni Falcone* – doch noch amnestiert.

Damit endeten 40 Jahre im Kerker, 5 auf der Flucht und 11 unter Hausarrest. Noch im selben Jahr kehrte er als freier Mann nach Orgosolo zurück. Geläutert, wie es schien.

Mit einem sardischen “Adiosu” verabschiedet sich für heute

Joachim Waßmann

 

Anmerkungen

Giangiacomo Feltrinelli verdanken wir das weltberühmte Foto von Che Guevara.

Auf keinem sardischen Kirchweihfest fehlen die Tenores. Ihre archaischen Gesänge greifen auch aktuelle Themen auf. Es lohnt allein ihretwegen, in Sardinien diese Feste zu besuchen.

Indro Montanelli war zeit seines Lebens ein unbequemer Querdenker und herausragender Journalist.

Giovanni Falcone hat als Staatsanwalt durch seinen kompromisslosen Kampf gegen die Mafia von sich reden gemacht. Er wurde 1992 mit einer Autobombe ermordet.

Hier geht es weiter zu Teil 3 

 

 

 

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