Inside Sardinien

Panoramasicht auf die Stadt Cagliari

Weil die Sahara nur 180 Kilometer entfernt ist, vermeide ich es, während der Sommermonate Südsardinien einen Besuch abzustatten. Ansonsten aber ist Cagliari für mich eine Pflichtveranstaltung; denn Sardiniens Hauptstadt ist ganz anders als „mein“ Sardinien der Hirten in ihren urwüchsigen Landschaften und dem unvergleichlich schönen Meer. An den Anfang dieses Berichtes über Cagliari aber stelle ich ein gerade beendetes Drama.

Es handelt vom Fußballstadion Sant´ Elia, das zur Fußball-WM 1990 für die Spiele der Vorrunde F flott gemacht worden war.

Wo öffentliche Bauaufträge verwirklicht werden – wir erleben das ja gerade am Flughafen Berlin – ist Pfusch an der Tagesordnung. Kein Wunder also, dass schon kurz nach der WM die errichteten Tribünen Baumängel zeigten. Die Stadtverwaltung drückte sich um die notwendigen Sanierungsarbeiten, und so drohte 2002 Einsturzgefahr. Folgerichtig erging ein Nutzungsverbot.

stadio cagliari

Vereinspräsident Cellino verhandelte nun mit den Stadtvätern darüber, wie das Problem am besten zu lösen wäre. Er hatte aber wenig Fortune:  Auch die bestgemeinten Vorschläge wurden abgeschmettert, weil die „Behördenesel“ (so meine sardischen Freunde) es dem milliardenschweren Fußballfunktionär „zeigen“ wollten. Selbst der Vorschlag, das Stadion zu übernehmen und auf eigene Kosten zu sanieren, kam nicht gut an. Anstatt dieses löbliche Vorhaben zu unterstützen, verlangten die Stadtväter für die Ruine inakzeptable 50 Millionen Euro.

Nun suchte Cellino in der nahen Umgebung nach Alternativen. In der Gemeinde Elmas kaufte er in Flughafennähe  – nach erfolgreicher Bau-Voranfrage – ein schönes Grundstück. Als es losgehen sollte, hagelte es aber immer neue, hanebüchene  Baustopp-Anordnungen. So sollte das Stadion eine Gefahr für den Luftraum sein, obwohl die Flughafenverwaltung schon ihr ok gegeben hatte. In Sardinien bestand Einigkeit darüber, dass die Stadtväter nicht den Luftraum sichern wollten, sondern lediglich ihre Mieteinnahmen aus dem alten Stadion.

Ergebnisorientiertes Krisenmanagement hätte jetzt darin bestehen müssen, den abwanderungswilligen Verein durch Entgegenkommen zum Bleiben zu animieren. Nichts davon! Die Stadtväter wähnte sich auf der Siegerstraße und setzten auf bedingungslose Kapitulation, hatten aber die Rechnung ohne den Vereinspräsidenten gemacht! Der sagte kurzerhand alles ab und ließ seine Mannschaft in der Serie 2012 die letzten Heimspiele im fernen Triest auf dem italienischen Festland spielen. Der Schachzug gelang: Die Fans waren, wie man sich leicht vorstellen kann, stinksauer auf Cagliaris Stadtväter. Aber die blieben stur.

Cellino auch. Die Sache eskalierte. In der Nachbargemeinde Quartu auf Sardinien wurde er mit dem Bürgermeister handelseinig. Der hatte ein fertiges Stadion, das allerdings zu klein für die vielen Fans war. Für einen „richtigen“ Ausbau aber fehlte die Zeit; denn vom Bauantrag über die Bewilligung bis zur Fertigstellung würden in Italien Jahre vergehen. Cellino entschloss sich daher, demontierbare Tribünen zu errichten. Für die brauchte er keinen Bauantrag. Außerdem war das fix gemacht und kostete nur „schlappe“ 1,5 Millionen. Die Spielsaison konnte beginnen!

Die Freude über diesen Coup dauerte jedoch nicht lange. Der erste Knüppel kam von den Naturschützern. Die bemängelten, dass durch das Stadion die Flamingos in den Salzgärten des Golfes gestört würden. Den zweiten warf die Behörde für das kulturelle Erbe, die ein archäologisch wichtiges Gebiet gefährdet sah. Der dickste aber kam von der Bezirksregierung. Die behauptete, dass Cellino und der Bürgermeister bestehende Bauvorschriften missachtet hätten. Und als wäre das alles nicht schon genug, fiel das Stadion „Is Arenas“ in Quartu auch noch beim Sicherheitscheck durch, sodass vor leeren Rängen gespielt werden sollte.

Für Cellino war klar: Hinter all dem steckten die Stadtväter von Cagliari, die sich nicht geschlagen geben wollten. Er forderte daher die Fans auf, trotz des Verbotes zum Spiel zu kommen. Die kamen auch zahlreich, erlebten aber eine böse Überraschung: Die Austragung wurde verhindert und die ausgefallene Partie zum Nachteil von Cagliari 0 : 3 gewertet.

Als die nächste Verlegung anstand, bekam US Cagliari unverhofft Unterstützung: Das Thema wurde von den Medien aufgegriffen, italienweit breitgetreten, ins Lächerliche gezogen und siehe da: Weitere Anträge auf Spielverlegungen blieben erfolglos.

Cellino, so schien es, hatte auf ganzer Linie gesiegt! Die Gegenattacke der Stadtväter aber ließ nicht lange auf sich warten: Weil er und der Bürgermeister sich angeblich mutwillig über Bauvorschriften hinweggesetzt hatten, wurden sie beide verhaftet und eingelocht. Die Vorwürfe erwiesen sich natürlich schon nach kurzer Zeit als haltlos. Beide mussten – von allen Vorwürfen entlastet – freigelassen und entschädigt werden. Trotzdem zeigte die Maßnahme die beabsichtigte Wirkung: Vereinspräsident Cellino trat bald darauf entnervt als Vereinspräsident zurück und verkaufte seinen Verein im Mai 2014. Er ist jetzt Besitzer eines Klubs in England.

Wie es weiterging? Die angeblich genehmigungspflichtigen, weil nicht demontierbaren Tribünen wurden abgebaut, nach Cagliari geschafft und von den Stadtvätern im Stadion Sant´Elia einfach vor die alten, maroden gestellt! Seit Oktober 2013 wird wieder gespielt. In einem Stadion im Stadion, über das ganz Italien lacht.

Wenn´s nicht so peinlich wäre, würde ich die Partie unentschieden werten.

Ich hatte eingangs dieses Artikels vermerkt, dass Cagliari für mich eine Pflichtübung ist, und dafür gibt es gute Gründe. Allerdings fällt mir auf, dass ich mich mit der Fußballposse so ausführlich beschäftigt habe, dass es für heute reichen soll. Ich werde daher im nächsten Bericht das Thema wieder aufgreifen.

Mit einem sardischen “Adiosu” verabschiedet sich für heute

Ihr Joachim Waßmann

 

 

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