Cagliari ist ganz anders als „mein“ Sardinien der Hirten und der unberührten Natur. Trotzdem fasziniert das Flair, das ich wie hier in nur wenigen Hafenstädten angetroffen habe. Neapel, Athen, Palermo und Marseille sind ähnlich, weil auch sie morgenländischen Charme verströmen. Aber alles der Reihe nach.

Cagliari ist die größte Stadt Sardiniens, Hauptstadt der Autonomen Region Sardinien, sowie Hauptstadt der Provinz Cagliari. Die Stadt selbst hatte 2012 nur 149.575 Einwohner. Zählt man die Nachbargemeinden hinzu, kommt der Großraum jedoch schon auf 470.000 Einwohner, und das ist fast ein Drittel der Gesamtbevölkerung Sardiniens! Die Hafenstadt verfügt über eine Universität und ist Sitz des Erzbistums Cagliari. Die Altstadt von Cagliari wird Castello genannt und befindet sich auf einer Hügelspitze, von der aus man den gesamten Golf von Cagliari überblicken kann.

Cagliari ist als sardische Inselhauptstadt Verwaltungssitz zahlreicher Ämter, Ministerien und Institutionen. Außerdem ist die Inselhauptstadt Warenumschlagplatz mit Freihandelshafen und besitzt einen der größten Fischmärkte Italiens. Zu der vielfältigen Industrieproduktion in der Stadt gehören auch Fabriken zahlreicher international operierender Konzerne. Cagliari ist Sitz der auch in Deutschland bekannten IT-Firma Tiscali, über die der Namensgebung wegen noch zu berichten sein wird.

Zurück zum Charme Cagliaris. Wer wie ich gutes Essen liebt, selber gerne kocht, und für die Zutaten eine gute Auswahl braucht, hat an keinem noch so gut sortierten Supermarkt richtig Freude. Es ist einfach unsympathisch, einen Einkaufswagen durch allerbest sortierte Regalreihen zu  schieben, an die Kasse zu kommen und kein Wort gewechselt zu haben. Wie auch? Die Ware ist hygienisch verpackt und präzise deklariert. Für weitergehende Informationen ist das Personal meistens nicht ausgebildet.

Da lobe ich mir die Märkte in Cagliari! Den von San Benedetto zum Beispiel, um das markanteste Beispiel zucagliari_markt nennen. Er füllt die größte Markthalle von ganz Italien und strahlt die Vitalität morgenländischer Märkte aus, kommt dabei aber überraschend zivilisiert daher, ohne die anderorts üblichen Scheußlichkeiten: Weder musste ich mit ansehen, wie der Schlachter das gerade verkaufte Geflügel abmurkst, noch musste ich auf meinen Rundgängen über Abfälle, Kisten und Kasten stolpern. Von den „Wohlgerüchen des Orients“ kann auf mediterranen Märkten eher nicht die Rede sein. Der Markt von San Benedetto macht da eine rühmliche Ausnahme.

Dabei wird nicht nur gerucharmes Gemüse angeboten, sondern auch „duftfreudiges“ Meeresgetier, Fleisch und Wurst in allen nur erdenklichen Formen. Es gibt zum Beispiel „Spezialisten“, die nur bestimmte Fleischsorten anbieten. Mit ihnen kann man sich hervorragend über die unterschiedlichen Qualitäten unterhalten und feilschen, feilschen, feilschen! Was immer ich in San Benedetto gekauft habe: Niemals hat es mich enttäuscht!

Der Sommer in Cagliari ist richtig heiß. Keinem Sarden würde es einfallen, sich in der heißen Tageszeit freiwillig draußen aufzuhalten, weder in der City noch am Meer. In der Siesta-Zeit von eins bis fünf verlagert sich das „öffentliche“ Leben in die zahlreichen Restaurants oder eben ins „Private“. Erst ab 17.00 Uhr kann man wieder shoppen gehen. Dann aber durchaus bis in den späten Abend. Und das lohnt sich, weil man eben nicht nur die in allen Metropolen der Welt anzutreffende Allerweltsmode findet, sondern auch kleine Boutiquen mit ausgefallenen Einzelstücken. Zudem macht allein schon das Altstadt-Ambiente Spaß.

Darum begleite ich meine Frau gern auf ihrer Einkaufstour, auch wenn ich selber eher nicht zu den Shopping-Fans gehöre. (Welcher Mann ist das schon, reißen diese Unternehmungen doch mitunter echte Löcher in die Urlaubskasse.) Ich folge meiner Frau trotzdem gern; denn Cagliaris Gassen und Plätze bieten dem Auge viel, und zum Glück finden sich in kurzen Abständen Einrichtungen, in denen auch andere Sinnesorgane zu ihrem Recht kommen: Ein richtig gut gebrauter Café, „korrigiert“ mit Sambuca, ein Vermentino frizzante, ein Häppchen und ein Schwätzchen mit dem Barista: Herrlich! Was braucht es mehr? (Wer Adressen möchte: Die Piazza Yenne eignet sich als Ausgangspunkt, weil sie Dreh- und Angelpunkt mehrerer Stadteile ist. Von dort in die Via Manno, Via Roma, Via Garibaldi und die umliegenden Straßen und Gassen. Lassen Sie sich treiben!)

Flohmarkt CagliariWenn ich sonntags in der Stadt bin, ist der Flohmarkt „Mercatino“ auf der Piazza Trento eine herrliche Abwechslung. Er gefällt mir, weil es nur wenige Profihändler gibt. Hier nach Kunterbunt und Rar zu suchen macht sogar mir Spaß. Erstaunlich, was man da alles findet, unglaublich, was da alles vertickt werden soll!

Besonders gut gefällt mir das historische Zentrum. Weil es auf einem der sieben Hügel Cagliaris mit einer Festung liegt, hat es den Namen „Castello“ bekommen. Diesem Viertel ist es ergangen wie so vielen in zahlreichen anderen Städten: Dem Zahn der Zeit unterworfen, siedeln sich die Wohlhabenden außerhalb an. Die alten Häuser werden dem Verfall preisgegeben und ziehen diejenigen an, die sich moderne Wohnungen nicht leisten können. Der Niedergang wird dadurch beschleunigt. Es entsteht diese eigenartige Mischung aus verfallender Größe und pulsierendem Leben, die im nächsten Zug die Bohemiens anzieht. Plötzlich wird das Viertel „chic“, Stadtväter und Investoren besinnen sich, stoppen den Verfall und renovieren. Den Rest kennt man.

Castello befindet sich noch in einem Zwischenstadion. Wer das Viertel heute besucht, wird sich freuen, dass es mit der Rettung der Bausubstanz voran geht. Wer aber den morbiden Charme des Verfallenden liebt, soll sich beeilen. Es wird nicht mehr lange dauern, bis sich alles museal renoviert präsentiert.

Wenn nach all dem anstrengenden Geshoppe der Magen knurrt, freue ich mich auf das „Dal Corsaro“, Cagliaris vielleicht bestem Restaurant. Der Chefkoch Stefano Deidda ist echter Cagliaritaner und hat sein Handwerk in Italien und Spanien bei bekannten Küchenmeistern erlernt. Es gefällt mir, was er aus den heimischen Produkten macht, und ganz besonders gefällt mir, wie er seine Kreationen präsentiert. Schließlich will das Auge ja auch mitessen.

Wenn ich nicht im „heimischen“ Budoni so phantastische Strände und ein überaus blaues Meer hätte, würde ich auch Cagliaris Stränden einen Besuch abstatten.  Das erspare ich mir, nicht ohne dem geneigten Leser zu empfehlen, Cagliaris Hausstrand, den „Poetto“ zu besuchen. Hier ist immer etwas los. Tagsüber wird gebadet, getafelt oder gesportelt, und abends kann man von einer Strandbar zur anderen bummeln, um sich auszusuchen, von welcher Livemucke man sich wo bis spät in die Nacht berieseln lassen will.

Sardegna, Cagliari, spiaggia del Poetto

Traurig an diesem Strand ist nur eines, und dafür zeichnen wie so oft Politik und Verwaltung verantwortlich:

In den letzten Jahrzehnten des letzten Jahrhunderts hatte der Poetto-Strand seine imposante Dünenlandschaft verloren. Rücksichtslose Nutzung, z.B. durch Offroader, mag dabei eine Rolle gespielt haben. Jeder weiß ja, dass Dünen „leben“ und hochsensibel sind. Jedenfalls wurden sie immer mehr dezimiert und schließlich ganz vom Winde verweht. Die Stadtväter dachten angestrengt nach, wie man Abhilfe schaffen könne und kamen auch gleich auf die nächstliegende Idee: Einfach wieder neuen Sand heranschaffen und daraus Dünen formen! Clever hatten sie sich ausgerechnet, dass der Wind mit den neuen Dünen nicht anders als mit den feinsandigen alten verfahren würde. Kurzerhand wurde darum nicht Sand, sondern Kies herangeschafft und längs des Strandes zu Dünen aufgetürmt. Man hoffte wohl, dass der Wind diese Barriere mit dem feinen Poetto-Sand überziehen werde. Nun sind gute Winde zwar eine Konstante in dieser Gegend, aber das Kalkül wollte trotzdem nicht aufgehen. Die mehreren Hunderttausend Kubikmeter blieben, was sie waren: Hässliche, schwarzgraue Kiesberge, die hier absolut nicht hinpassten und die Landschaft verunstalteten.

Nach heftigen Bürgerprotesten wird seitdem versucht zu retten, was zu retten ist. Ich bezweifle aber, dass der Poetto jemals seine einstige Gestalt wieder erhalten wird.

So führt behördliche und/oder politische Ignoranz auch in Italien immer wieder zu abstrusen Geldvernichtungsaktionen. Wir brauchen uns daher nicht übermäßig zu schämen, wenn uns der  Haupstadtflughafen, Stuttgart 21 oder andere Steuergräber übel aufstoßen.

Mit einem sardischen “Adiosu” verabschiedet sich für heute

Ihr Joachim Waßmann