Wenn ich im Sommer in Sardinien bin, ist ein Abstecher nach Porto Cervo so etwas wie eine Pflichtübung. Dabei habe ich immer widersprüchliche Gefühle: Einerseits gefällt es mir, dass diese Kathedrale der Reichsten der Reichen ganz anders rüberkommt als man erwartet. Keine vielstöckigen Luxusherbergen, keine pompösen Repräsentanzen. Nichts Auffälliges beherrscht die Szene. Der Reichtum bleibt buchstäblich außen vor. Im Ort ist alles anheimelnd, charmant und schön. Man fühlt sich wohl, wenn man durch die engen Gassen bummelt, die Auslagen der Geschäfte bewundert und sich auf einer der zahlreichen Piazzen zu einem Campari niederlässt. Im Kontrast dazu steht der Hafen. Da dominieren Geld und Größe. Das gefällt mir weniger, reizt mich aber trotzdem. Ein Bummel hinab in den Hafen gehört also dazu. Und dann haut es mich um. Regelmäßig. So auch dieses Mal. Zunächst fällt mir der Kassenbon einer Bar in die Hände. Da haben es doch ein paar Durstige geschafft, in wenigen Stunden Summen zu versaufen, für die Herr Mustermann mehrere Monate arbeitet! Und dann die Bötchen!

porto_cervo_Lady_MouraAn der Mole drängen sich mehrere, jede einzelne nicht unter 50 Meter lang. Das ist Standard. Etwas abseits aber liegt ein ungewöhnlich großes Schiff, an dem in goldenen Lettern „Lady Moura“ prangt. In Google-Zeiten braucht man nicht mehr wie früher zu raten: Es ist die Jacht eines Baulöwen aus dem Morgenland, volle 105 Meter lang und 200 Millionen Dollar teuer. Ausgestattet mit allem, was man sich überhaupt nur vorstellen kann. Eine der größten Jachten der Welt, Megareichtum im Quadrat und – wie sollte es anders sein – mit einer Story wie aus Tausendundeinenacht behaftet.

„Warum fährt der Besitzer der Jacht überhaupt irgendwohin, Onkel Jochen?“ wollte mein kleiner Neffe wissen. „Der findet doch an Land nirgendwo so etwas Tolles wie sein Schiff! Der kann dochporto_cervo_schiff am besten Tag und Nacht auf seinem Boot bleiben.“ Was hätte ich antworten sollen? Irgendwie hatte er ja Recht: Welches Hotel selbst im noblen Porto Cervo kann diesen Komfort übertreffen, welcher Salon größer sein, welcher Koch besser als der bordeigene? „Es wird schon Gründe geben“, antwortete ich, „die müssen ja nicht unbedingt mit Reichtum etwas zu tun haben.“ Ich erspare es mir, das Frage-und-Antwort-Spiel in Gänze wiederzugeben: Die Antworten haben weder mich noch meinen Neffen überzeugt.

Ich verabschiede mich auch dieses Mal mit gemischten Gefühlen, weil Porto Cervo so gar nicht zu „meinem“ Sardinien zu passen scheint. Trotzdem weiß ich, dass ich wiederkommen werde. Was werde ich dann zu sehen bekommen, nachdem ich schon die „Spielzeuge“ von Nasser Ar Raschid, Kashoggi, Abramovic, Bill Gates und der Royal Family „abgehakt“ habe?

Porto Cervo ist sehens- und liebenswert, weil es klein-schön-schnuckelig ist! Dass hier mehr als anderswo Personen präsent sind, die unauffällig von diskreten Wächtern flankiert werden und Riesenkähne im Hafen liegen haben, ist dagegen nur eine Randnotiz wert.

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Ob diese Kontraste das Alleinstellungsmerkmal von Porto Cervo sind?

Mit einem sardischen “Adiosu” verabschiedet sich für heute

Joachim Waßmann