Weihnachten ist im Idealfall immer weiß. Für mich gehört Schnee dazu, Stille, Kerzen und ein warmer Kamin. Aus meiner Kindheit kenne ich das nicht anders, bzw. so habe ich es in meiner Erinnerung abgespeichert. Wenn in der Mitternachtsmesse Orgel und Weihnachtschor die Geburt Jesu verkündeten, konnte man meine Kinderaugen glücklich glänzen sehen.

Weihnachten anders als mit Eis und Schnee war für nicht vorstellbar. Als ich das Fest 1971 in Florida feiern musste, war das ganz ungewohnt. Christbaum und Badehose gehen einfach nicht zusammen. Aber die Zeiten ändern sich, und der Klimawandel gehört leider auch dazu.

Darum zeigt der Winter dem Weihnachtsfest auch bei uns immer mehr die warme Schulter, und darum fiel es mir nicht schwer, vor ein paar Jahren Weihnachten wieder im Warmen zu feiern. Ich habe es nicht bereut.

Die Adventszeit war angenehm leise. Wohl verriet die weihnachtliche Beleuchtung in Budoni, dass es weihnachtet, aber das war es dann auch. Lichter auf Sardinien Keine Buden, keine Weihnachtsmänner und vor allem: Nicht überall Weihnachtschöre aus allen Ecken und Enden! Hier, ohne Schnee zwar, aber unter sternklarem Himmel, bekam die vorweihnachtliche Zeit die Bedeutung zurück, die ich als Kind so geliebt habe.

In Sardinien hatten wir eine ruhige, besinnliche Adventszeit. Ich besuchte reihum die Familien meiner Freunde, und so konnte ich erleben, wie sich allseits auf das Fest vorbereitet wurde. Weihnachtsgebäck stand auf der Tagesordnung. Anders als bei uns wurden hier „Dolci“ gebacken, die der Tradition der Hirten entsprach, und das bedeutete: Es kommt vorwiegend das zum Einsatz, was das Land hergibt. Basisprodukte sind daher Orangenschalen, Mandeln, Mehl, Honig und verwandte Produkte. Daraus wird – arbeitsteilig arbeitend – eine Unzahl unterschiedlicher Süßigkeiten kreiert. Da sitzen dann Töchter, Mütter, Tanten, Großmütter und andere Familienmitglieder friedlich schwatzend beisammen, um die Großfamilie mit Teigwaren zu versorgen. Männer sind nicht ausgeschlossen, haben aber in der Regel keine Arbeitserlaubnis. Sie leisten der Runde mit einem Gläschen Wein Gesellschaft, und wenn die blöde Glotze nicht wäre, die unvermeidlich und unbeachtet im Hintergrund läuft, wäre die vorweihnachtliche Stimmung für mich perfekt gewesen. Der Heimweg danach war zwar nicht klirrend kalt und es fiel auch kein Schnee, aber der unglaublich klare Himmel mit seinen hell leuchtenden Sternen glich alles aus: Es weihnachtete. Sehr.

Am Heiligen Abend hatte ich einen Gang durch den Garten gemacht; denn die Zitrusfrüchte waren reif. Ich erntete also von unseren Mandarinen und Apfelsinen. Alle zuckersüß, saftig und von unglaublich intensivem Duft. Ich beschloss, die Schalen so zu verwenden, wie ich es zuvor gesehen hatte: In Zucker einlegen, reifen lassen und daraus dann Weihnachtskekse backen.

Natürlich blieb unsere Familie an den beiden Feiertagen unter sich. Weil es aber für unsere italienischen Freunde traurig aussah, dass wir nur zu Dritt feiern wollten, hatten wir mehrere Einladungen bekommen, die wir aber alle ausschlugen. Weihnachten ist nach meinem Verständnis ein Familienfest.

Heiligabend geht es in Sardinien eher lustig zu. Die Familie schmückt den Weihnachtsbaum und legt die Geschenke darunter. Dort bleiben sie den ganzen Abend und die ganze lange Nacht liegen. Bescherung ist erst am nächsten Morgen! Panettone in Christmas tableAus gutem Grund: Nicht Geschenke, sondern Christi Geburt steht im Vordergrund. Auf die wird sich, ausgiebig tafelnd, vorbereitet. Dabei kommen die oben beschriebenen Dolci zum Einsatz. Unverzichtbarer Bestandteil in der Süßigkeitensammlung ist heutzutage aber auch der Panettone. Er hat inzwischen ganz Italien erobert und kommt auch an Ostern unter dem Namen „Colomba“ in anderer Form zu Ehren. Die Zeit bis zur Mitternachtsmesse wird danach mit „Bingo“ überbrückt, ein auch bei uns bekanntes Gesellschaftsspiel, bei dem es kleine Preise zu gewinnen gibt. Eine schöne Alternative zu unseren Weihnachtsbräuchen und sicherlich mal eine Reise wert.

Ich wünsche Ihnen allen eine besinnliche Weihnachtszeit.

Mit einem sardischen “Adiosu” verabschiedet sich für heute

Joachim Waßmann