Inside Sardinien

Wie groß wird wohl das Grundstück sein, das man für einen halben Euro kaufen kann? Mehr als eine Handvoll Erde? Aber alles der Reihe nach. Es geht um die Insel „Budelli“. Die ist zwar ein gottverlassener Felsen im Inselarchipel rings um die Insel La Maddalena in der Straße zwischen Korsika und Sardinien, aber keineswegs ein Aschenputtel. Im Gegenteil!

Eine echte Berühmtheit ist sie ob ihrer unglaublichen Schönheit und ihrer rosafarbenen Strände. „Pink Island“ wird sie darum auch genannt, und in den 60-er Jahren war sie Schauplatz eines Spielfilms, den der Starregisseur Antonioni gedreht und liebevoll „Deserto rosso“ genannt hat.

Dass eine solche Superinsel Begehrlichkeiten weckt, verwundert nicht. Als die Insel zum Verkauf stand, schlug im Oktober 2013 die Stunde für einen Banker aus Neuseeland. Er bekam für 2,9 Millionen Euro den Zuschlag und erwarb dafür ein immerhin 1,6 Quadratkilometer großes Eiland. Leben gab es wenig auf der Insel, wenn man von einigen Wildkaninchen und Vögeln absieht. Menschen mochten vor langen Jahren hier gelebt haben. Einige Ruinen zeugen davon. Der einzige verbliebene Hominide war ein Zuwanderer. Er hatte 1989 vor der Insel Schiffbruch erlitten, hatte sich auf die Insel gerettet und sie seitdem nicht mehr verlassen. Dankbar ob seiner Rettung hat er sich als moderner Robinson der Aufgabe verschrieben, der Schönen dadurch zu danken, Recht und Ordnung auf der Insel zu wahren, womit die Einhaltung aller Vorschriften und Auflagen der Naturschützer gemeint war.

Die zu respektieren versprach auch der neue Eigentümer hoch und heilig. Trotzdem brach nach der Versteigerung bei Grünen, Linken und Lokalpatrioten ein Sturm der Entrüstung los. Warum man diese Perle einem Finanzhai überlasse, wollten sie wissen. Warum der Staat nicht sein verbrieftes Vorkaufsrecht beanspruche? Schließlich entsprächen 2,9 Millionen Euro man gerade dem Preis eines luxuriösen Einfamilienhauses in Rom. Die Insel sei so etwas wie ein Nationalheiligtum, das dem Volke und nicht ins Ausland gehöre.

Eine scheinheilige Argumentation; denn die Insel war niemals Volkseigentum. Seit Menschengedenken gehörte sie einer sardischen Familie. Darum sah Vater Staat auch keine Notwendigkeit, hier in irgendeiner Form vergesellschaftend einzugreifen, als sie verkauft wurde. Die Insel schien verloren, doch dann kam die Wende:

Ob der neuseeländische Kapitalist nur genervt war, oder ob er ein Ohr für die „Wünsche des Volkes“ hatte, mag dahingestellt sein. Jedenfalls wollte er Budelli plötzlich nicht mehr.

Dass Italiener kreativ sind und auch schwierige Probleme meistern, bewundere ich seit Jahrzehnten. Und darum überrascht es mich auch nicht, dass ausgerechnet die Schüler einer Dorfschule im Piemont auf eine Idee kamen, die so bestechend simpel ist, dass nur Italiener sie erfinden konnten:

„Wenn der Staat dafür kein Geld hat, dann werden wir eben selbst das Geld finden“, so die Schüler. „Wir kaufen die Insel und machen daraus einen Zufluchtsort für Jugendliche“, erklärten sie selbstbewusst.

Um die immerhin 3 Millionen Euro aufzutreiben, wurde flugs ein Crowdfunding-Projekt auf die Beine gestellt und über soziale Netzwerke bekannt gemacht. Jeder junge Italiener möge mitmachen. Dann würde die Pinke Lady für wenig Pinke-Pinke bald wieder zurück in die Heimat kommen.

Überschlagen wir mal: Italien hat etwa 6 Millionen Jugendliche. Wenn die drei Millionen stemmen, macht das summa summarum 50 Cent pro Kopf! Es geht tatsächlich. Mit 50 Cent kann man eine Insel kaufen! Ob’s gelingt? Schön wär’s!

Mit einem sardischen “Adiosu” verabschiedet sich für heute

Joachim Waßmann

Artikel bei Sputnik

 

 

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