Inside Sardinien

Wer erinnert sich nicht an „Kleopatra“, an „Ben Hur“, an „Spartakus“ und all die anderen Monumentalschinken? Sie zeigen uns – natürlich in dichterischer Freiheit – wie damals gelebt, geliebt und gestorben wurde. Das ist möglich, weil es unzählige Quellen gibt, die es erlauben, das Leben im alten Rom nachzuzeichnen. Wie aber ist es z.B. mit den Fanfarenstößen in den Filmen? Sie sollen uns suggerieren, dass so römische Wettkämpfe eingeläutet wurden. Stimmt das?

Welche Quellen geben über römische Melodien Aufschluss? Die Antwort ist ernüchternd: Keine. Es gibt zwar schon bei Platon und Aristoteles Abhandlungen über Musik, aber nicht ein einziges musikalisches Zeugnis. Eigentlich logisch; weil Musik damals weder aufgeschrieben noch aufgenommen werden konnte.

Fehlt ein Konservierungsmedium, ist Musik flüchtig wie ein Vogelschrei.

Darum wissen so gut wie nichts über die Anfänge der Musik. Wir dürfen vermuten, dass Menschen zu allen Zeiten gesungen und musiziert haben. Die Gesänge aber kennen wir nicht. – Wirklich?

Wer hören will, wie vor Tausenden von Jahren gesungen wurde, muss sich nur nach Sardinien aufmachen!

Dort hat die Tradition archaische Klänge und Melodien konserviert, die im Canto a Tenore mindestens 3000 Jahre überlebt haben. Das sind Gesänge sardischer Hirten, aus der Not geboren. Jahr für Jahr mussten die Schäfer ins Gebirge ausziehen, um ihre Herden weiden zu können. Sie waren dann ein volles halbes Jahr ohne Kontakt zu ihrem Dorf, und Frauen und Kinder waren sich selbst überlassen. Um dieses ungemein harte Dasein bewältigen zu können, wurde gesungen. So entstand diese Musik. Abends nach getaner Arbeit und zu heidnischen Festen versammelte man sich zu gemeinsamen Gesang.

Sie sangen aber nicht Volkslieder mit vorgegebenen Strophen, sondern improvisierten Texte, mit denen sie sich die Qual von der Seele sangen. Die Parallele zum Blues liegt auf der Hand. Beim Canto a Tenore singt aber nicht ein einziger, sondern mehrere. Und es kommt vor, dass ein zweiter das Thema des ersten Sängers aufgreift und ihm widerspricht oder zustimmt. Die anderen Hirten begleiten den Dialog mit rhythmischen Geräuschen.

Stilbildend bei der Untermalung ist ein eigentümliches Bim-Bam-Bim-Bam. Es erinnert an Schafglocken und nimmt im Ausklingen auch das „Mäh“ von Schafen auf, so als wollten die Hirten ihre Tiere mitsingen lassen.

In seiner Reinform kennt der Canto a Tenore keine Instrumente. Erst später kommt die „Launedda“ hinzu. Das ist eine Flöte, die sich die Hirten zum Zeitvertreib selber bastelten.

Frank Zappa war ein großer Bewunderer dieser Musik. Aber nicht nur er. Jürgen Geise, ehemals Professor am Mozarteum in Salzburg, war über zwanzig Jahre bis zu seinem Tod Gast in einem meiner Ferienhäuser und begeisterter Zuhörer der Tenores. Er hat mir die Feinheiten dieser Musik erklärt.

Für den Canto a Tenore gibt es ein strenges musikalisches Korsett, das den Gesang unverwechselbar macht. Trotzdem gibt es keine Reinform. Jedes Dorf hat bis heute seinen eigenen Canto. Das soll daran liegen, dass die misstrauischen Sarden Kontakte nach außen vermieden. „Pocos, locos e mal unidos“ urteilten denn auch die Spanier als Inselherren verächtlich: Wenige, Verrückte und Unorganisierte seien das.

Mag sein. Immerhin aber verdanken wir es diesen „Verrückten“, Musik hören zu können, die in die Liste des immateriellen Weltkulturerbes aufgenommen worden ist. Ist das etwa nichts?

Mit einem sardischen “Adiosu” verabschiedet sich für heute

Joachim Waßmann

PS. Wer hineinhören möchte, kann auf diesen Link gehen und auf „Beitrag hören“ klicken. Es braucht aber Geduld: Der Canto a Tenore erschließt sich für Ersthörer nicht auf Anhieb, und schon gar nicht als Konserve. Man sollte besser live dabei sein, um Zugang zu diesen archaischen Wurzeln der Musik zu finden.

 

 

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