Ich glaube ja nicht, dass es die famose Quelle ewiger Jugend irgendwo auf dieser Welt gibt. Wie dem auch sei: Mindestens der Glaube daran ist unsterblich, und darum wird seit Menschengedenken unverdrossen danach gesucht. Neuerdings wird er auf Sardinien vermutet … Meine sardischen Freunde sind da auch genauso skeptisch wie ich, denn sie haben sich vor Lachen geschüttelt, als sie mir erzählten, dass die Einwohner der Provinz Ogliastra das „Kunststück“ fertig gebracht hätten, ihre Gene zu verscherbeln, weil britische Forscher darin den Schlüssel zum „ewigen Leben“ finden wollen.

Ausgerechnet die „più scemi“ (Verrücktesten) hätten sich die Engländer für dieses Vorhaben ausgesucht. Es gäbe auf der Insel doch weiß Gott besseres Erbgut!

Dazu muss man wissen, dass die Bewohner der Ogliastra als besonders rückständig und wenig intelligent gelten. Man kennt das ja: Jedes Land hat seine Trottelregion. So wird in Norddeutschland über die Ostfriesen gelacht, in Bayern kursieren Witze über die „Ösis“, regionenübergreifend gibt es Blondinenwitze und in Sardinien eben die Ogliastra.

Ich gab zu bedenken, dass der Verkauf eher von Cleverness zeuge. Allenfalls die Briten, die die 268.000 € auf den Tisch geblättert hatten, solle man eines IQ-Tests unterziehen. Später jedoch googelte ich. Schließlich verplempert niemand eine solche Summe ohne triftigen Grund. Und dann fand ich es:

Der Käufer war die auf Biotechnologien spezialisierte britische Gesellschaft „Tiziana Life Sciences“. Die hat die italienische DNA-Datenbank Shardna gekauft, und in dieser Datenbank ist die DNA von 13.000 Bewohnern der Region Ogliastra gespeichert. Warum? Weil es hier ungewöhnlich viele quietschfidele Methusalems gibt. Das hat die Briten stutzig und neugierig gemacht.

In diesem gottverlassenen Winkel der Insel erreicht nämlich ein Mensch pro 2.000 das Alter von 100 und mehr Jahren. Das ist Faktor fünf verglichen mit Europas industrialisierten Ländern! (Für Mathe-Muffels: Einer auf Zehntausend!) Es muss also etwas daran sein, dass die Ossis bzw. Ösis der Sarden so alt werden. Wenn man hinter deren Geheimnis käme, wäre man dem menschlichen Traum von der Unsterblichkeit womöglich einen Schritt näher.

Diese Motivlage jedenfalls unterstellten meine Freunde, um süffisant hinzuzufügen, was sie tun würden, falls „Brexitanier“ auftauchen sollten, um sie zum Thema zu befragen. Den einen oder anderen Jungbrunnen wüssten sie sehr wohl zu lokalisieren. Gegen gutes Geld, versteht sich, ha ha ha … Ich erspare mir nähere Einzelheiten. Das Thema ist zu ernst, um darüber Witze zu machen.

Tatsächlich erhoffen sich die realitätsnahen Engländer nicht, irreale Ziele zu erreichen, wohl aber, mit Hilfe der Sarden-DNA naheliegende Erkenntnisse zu gewinnen: „Wir denken nicht, dass wir mit diesen Daten ein Langlebigkeitselixier entwerfen werden. Aber wir können genetischen Mutationen nachgehen“, sagte Tiziano Lazzaretti, Chef der britischen Gesellschaft. Genetiker wollen unter anderem rekonstruieren, wie bestimmte Merkmale vererbt werden, die mit dem Alterungsprozess in Verbindung stehen.

In einer früheren Studie hatten die Forscher belegt, dass die Bewohner von Ogliastra in besserer physischer Verfassung sind als die Einwohner der Lombardei. Ihr Team ging unter anderem der Frage nach, ob Depressionen bei älteren Menschen von Faktoren wie Geschlecht, Familienstand, Alter, Lebensstil, geistiger Fitness und Umfeld beeinflusst werden. Auf Sardinien, ganz besonders in ländlichen Gebieten, werde das Altern positiver empfunden als anderswo, ergab die Studie.

     

„Positiv empfinden“ ist also das Zauberwort, mit dessen Singen die Welt zu klingen beginnt! Das gelingt in Sardiniens „ländlichen Gebieten“ anscheinend besonders gut und entspricht unserem Sprichwort „Man ist so alt, wie man sich fühlt“. Anscheinend gilt aber auch: Du ist so alt, wie dich die Gesellschaft dein Alter fühlen lässt. Auch deine Umgebung muss dich „positiv empfinden“! Ob die archaischen Sozialstrukturen der Ogliastra den unseren in diesem Punkt überlegen sind?

Zurück zur Studie: Das „Positiv Empfinden“ bringt eine Probandin auf den Punkt, als sie auf die Frage, warum in ihren Angaben zu Essen und Trinken „Wasser“ fehle, schlicht und trocken antwortet: „Ich bin doch noch nicht krank!“ 

Bleibt nur zu hoffen, dass die Fabrikanten alkoholischer Getränke das nicht werbetechnisch ausschlachten. Etwa mit Slogans wie „Trink Wasser, dann wirst du früher blasser!“ Ob das im Sinne der Studie und der fidelen Alten gewesen wäre?

Mit einem sardischen “Adiosu” verabschiedet sich für heute

Joachim Waßmann