Inside Sardinien

Die Sarden waren stets ein eigenbrötlerisches, freiheitsliebendes Volk. Schon in der Antike wehrten sie sich gegen die „Zivilisierung“ durch die Römer und befinden sich damit in allerbester Gesellschaft. Gern wird in diesem Zusammenhang von „Freiheitskämpfen“ geredet. So feiern die Deutschen bis heute den Sieg der Cherusker über die Römer, die Schweizer den über die Österreicher, die Amerikaner den über die Engländer. Die Franzosen bejubeln die Abschaffung des Feudalismus, die Deutschen die des Kommunismus. Gab es da wirklich immer Grund zum Feiern?

Gestern habe ich mit Gästen einen Ausflug nach Tiscali gemacht. Heute besichtigen wir Fordongianus, eine etwa zeitgleich entstandene römische Siedlung. Der Vergleich macht mich sprachlos: 2000 Jahre ist dieser römische Stützpunkt alt, aber eigentlich doch hochmodern und mit Annehmlichkeiten versehen, von denen die Sarden in Tiscali und anderen Dörfern nur träumen konnten. Warum in alles in der Welt, frage ich mich, haben die Sarden sich der Kultivierung durch die Römer widersetzt?

     

Schon die Lage ist ein Plus: Fordongianus wurde nicht versteckt in den Bergen erbaut, sondern ganz offen am Ufer eines Flusses. Warum auch nicht? Die Römer waren mächtig und mussten zur Blütezeit Feinde nicht fürchten. Wehranlagen waren überflüssig. Direkt am Fluss und um die 54 Grad heiße Thermalquelle herum bauten sie ihre Stadt! Und zwar mit allem, was auch heutige Städte auszeichnet, wenn man davon absieht, dass die Energieversorgung eine andere war. Die antiken Thermen hätten als Blaupause für unsere heutigen Wellnesstempel dienen können: Dampf- und Schwitzbäder, Kalt-, Warm- und Heißwasserbecken, Massage- und Ruheräume, Bewirtung, alles war vorhanden!

Es braucht ein wenig Phantasie, um aus den Ruinen vor mir das römische Fordongianus „auferstehen“ zu lassen. Aber was für eine Zivilisation war das im Vergleich zu den Nuraghendörfern der Ureinwohner! Gepflasterte Straßen, Häuser aus Stein mit Wasser- und Abwasserversorgung, Geschäfte und Kneipen. Alles war vorhanden!

     

Mit dem Untergang des römischen Reiches ging es auch mit Fordongianus bergab. Eine Zeitlang noch herrschten die Byzantiner hier. Aus dieser Zeit stammen die Rudimente der christlichen Kirche San Pietro. Danach kamen die Spanier als Eroberer nach Sardinien und hinterließen einen Adelspalast. Aber das war es dann. Das Bedauerliche: Mit dem Sieg über die Römer ist auch ihr Know-how verloren gegangen, und zwar nicht nur in Sardinien. Wir wissen ja, dass Köln erst im 19. Jahrhundert wieder an den städtebaulichen Standard der alten Colonia Agrippina anknüpfen konnte. Dazwischen liegen fast 2000 Jahre!

All diese Gedanken schossen mir während der Besichtigung durch den Kopf. Haben sich die Sarden, Cherusker, Vandalen, Germanen und wie die Totengräber der römischen Kultur alle heißen mögen, mit dem Sieg über die Römer wirklich einen Gefallen getan? Was hätte es gekostet, die Kultur zu adaptieren statt zu zerstören?

Wir wissen, dass die Römer die Untertanen – wie später Friedrich der Große – nach ihrer Fasson selig werden ließen, zugleich aber für Frieden und Wohlstand sorgten. Als Gegenleistung hätten die Noch-Nicht-Neubürger, die sich nach eigenem Verständnis dann ausgebeutet und unterdrückt sahen, Steuern zahlen müssen. Sie hätten Neuland betreten und Recht und Ordnung akzeptieren müssen. Na und? Tun wir das nicht auch? Welcher zivilisierte Staat kommt ohne aus? Für Sardinien und die Sarden wäre es wohl ein Glücksfall gewesen.

Nicht jeder Freiheitskampf, scheint mir, verdient diesen Namen, und die Vokabeln „ausgebeutet“ und „unterdrückt“ sind in diesem Kontext ein frühes, höchstnotpeinliches Exempel für die durch Trump salonfähig gemachte „postfaktische Realität“. Schade, schade! Bleibt die Menschheit sich wirklich ewig gleich?

Mit einem sardischen “Adiosu” verabschiedet sich für heute

Joachim Waßmann

 

 

 

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