Inside Sardinien

Sardinien ist nach Sizilien die zweitgrößte Insel im Mittelmeer. Bis zu 270 km „lang“ und 145 km „breit“, sechsmal so groß wie Mallorca! Wer, wie manch einer sich das vorstellt, die Insel in einem Tag umrunden und „abhaken“ will, wird an seine Grenzen stoßen. Ganz abgesehen davon, dass es ein Jammer wäre, all die Sehenswürdigkeiten im Eilgang erledigen zu wollen. Einmal „quer rüber“ hingegen, also von der Ost- an die Westküste nach Bosa und zurück: Das geht gerade noch.

Anders als bei unserem Ausflug nach Arbatax ist nur der Städtebesuch das Programm. Stopps sind nicht geplant, der Weg zum Ziel zweitrangig. Für die Fahrt nach Bosa haben wir diverse Strecken zur Auswahl. Meine Mitfahrer plädieren spontan für die durch die „Walachei“, weil sie davon ausgehen, damit auch die schönste Strecke zu erwischen. Die führt zum Lago di Posada, dann nach Onaní, nach Bitti, Bortigali und schließlich nach Bosa. Google Maps kommt da auf 180 km, viele Kurven, sehr viel Zeit. „Macht doch nichts“, werden leise Bedenken vom Tisch gewischt, „wir haben doch Zeit“. Ich gebe zu bedenken, dass wir bei dieser Route unser vorgebuchtes Mittagsmahl am Strand von Bosa Marina verfehlen könnten. Das will natürlich keiner. Also wird der schnelle Routenvorschlag angenommen.

Wir nehmen also die Schnellstraße nach Cagliari, verlassen sie hinter Nuoro, um dem Wegweiser nach Macomer zu folgen und fahren auf der SS 129 direkt nach Bosa. Schon nach eineinhalb Stunden erreichen wir unser Ziel und haben trotzdem die Fahrt genossen.

Sardinien ist reich an unglaublich schönen Stränden und besticht durch eine überwältigend faszinierende Natur. Schöne Städte sind dagegen Mangelware. Bosa ist da die Ausnahme. Ein kleines Städtchen mit nur 8000 Einwohnern.

Die erste Erwähnung von „Bosa“ findet sich auf einer Inschrift aus dem 9. Jahrhundert vor (!) Christus. Ein erster Vergleich mit Budoni drängt sich auf: Bosa ist 3000 Jahre älter. Respekt! Gegründet von den Phöniziern, hat der Ort die verschiedensten Herren überlebt. Zunächst hat Karthago den Ort geprägt, dann Rom, danach Byzanz, die italienischen Stadtrepubliken, Spanien und schließlich das Königreich Sardinien-Piemont.

Alle haben sie ihre Spuren hinterlassen. Besonders interessant ist die Burg der Malaspina aus dem 12. Jahrhundert. Malaspina! Was für ein Name! Was für ein berühmtes Adelsgeschlecht! Dagegen klingen die Budonis Namensbild prägenden „Meloni“ und „Ventroni“ richtig kleinbürgerlich! Und eine Burg kann Budoni auch nicht aufweisen. Es gibt da zwar das neumodische, festungsähnliche Rathaus, aber was ist das im Vergleich zu einer das Stadtbild schmückenden Burg?

Auch ein Centro Storico gibt es in Budoni nicht. In Bosa dagegen führt uns der Altstadtbummel durch enge Gassen mit recht hohen Häusern, Bars, Boutiquen und Restaurants. Alles atmet Atmosphäre, glänzt im Historienschein, und immer wieder stoßen die Straßen an den Temo. Dieser Fluss war einstmals Herz und Lebensader der Stadt. Er hat Generationen von Bürgern über die Lederverarbeitung ein grundsolides Einkommen beschert. An den alten Gerberhütten, die das linke Flussufer säumen, nagt heute aber sichtbar der Zahn der Zeit: Die Gerberei ernährt hier niemanden mehr, und die alten Häuser warten darauf, einer besseren Zukunft zugeführt zu werden. Trotzdem umgibt sie der dekadente Charme, der historisch Geprägtes auszeichnen kann. In Budoni, stellen wir resignierend fest, nagt nirgendwo irgendwo ein Zahn. Es gibt keine historisch zu nennende Bausubstanz!

Bevor wir uns nach Bosa Marina aufmachen, um nach den kulturellen Genüssen auch den lukullischen zu frönen, besuchen wir noch San Pietro Extramuros. Mir gefällt, wie diese mehr als tausend Jahre alte Kirche trotz oder gerade wegen ihrer Schlichtheit Würde verströmt! Auch hier drängt sich ein Vergleich auf. Aber lassen wir das! Bosa und Budoni trennen mehr als nur 3000 Jahre. Die Orte spielen in zwei komplett verschiedenen Ligen!

     

Dagegen hat in der Kirche mein Magen unüberhörbar mit einem die Stille konterkarierenden Knurren rebelliert. Ich drängele meine Freunde, es gut sein zu lassen und mit mir in Bosa Marina essen zu gehen.

Ob man da wie in Budoni direkt am Strand essen könne, wollen sie wissen. – Ja! – So wie in der Tavernetta? – Ich denke schon. – Gibt es da auch Seafood? – Nein, das glaube ich nicht!

Große Enttäuschung in der Runde. Ein Restaurant direkt am Meer, und dann kein Fisch? „Doch“, stelle ich richtig, „Cucina di Mare gibt es, nur eben Seafood nicht. Oder steht einem der Herren bzw. Damen der Sinn nach fish and chips?“

Betretenes Schweigen. Rein essenstechnisch war die Tafelrunde also mit mir einverstanden. Wir haben dann auch gut gegessen und noch besser getrunken. Das „Chelo“ sei wirklich eine gute Adresse, wurde ich gelobt. Aber alles in allem, resümierten sie, könnten weder Bosa Marina noch das Chelo der vergleichbaren Szenerie in Budoni das Wasser reichen. Die Strände, der Hafen von Ottiolu, die lauschigen Kneipen am Strand: In all dem sei Budoni doch um Einiges besser.

Ich konnte und wollte nicht widersprechen. Es tat mir gut. Mindestens das Ehrentor hat meine Wahlheimat Budoni erzielt.

Mit einem sardischen “Adiosu” verabschiedet sich für heute

Joachim Waßmann

 

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