Inside Sardinien

_DSC04196

Die katholische Kirche im Hafen von Porto Cervo ist aus zwei Gründen das vielleicht schönste Wahrzeichen der Costa Smeralda. Erstens wurde sie – Hut ab vor so viel Stilgefühl und Toleranz – von einem Muslim gebaut. Zweitens ist sie das Paradebeispiel für den vom Oberhaupt der Ismaeliten kreierten neosardischen Baustil. Was der beinhaltet, kann man an der 1968 erbauten „Stella Maris“ ablesen.

   

Die Kirche nimmt den historisch gewachsenen Baustil der Sarden als Vorbild, variiert und bereichert ihn aber auf vielfältige Weise. So kam als Orgel die vergessene eines neapolitanischen Meisters aus dem 17. Jahrhundert zu neuen Ehren, das Kruzifix stammt aus dem 16. Jahrhundert und wurde in Deutschland gefertigt. Die „Madonna Dolorosa“ hingegen ist ein zeitgenössisches Bild des spanischen Manieristen El Greco, und als Weihwasserbecken schließlich

wurde eine polynesische Riesenmuschel in der Wand verankert.

Natürlich hat Aga Khan all das nicht selbst entworfen. Er hatte aber ein ausgesprochen glückliches Händchen, als er das Architekturkomitee von Michele Busiri Vici zusammen mit Luigi Vietti und Jacques Couëlle beauftragte, die Costa nach seinen Ideen zu entwickeln. Dabei hat, da bin ich mir sicher, seine religiöse Bescheidenheit Pate gestanden: Die Costa Smeralda wirkt, obwohl sich hier Jahr für Jahr die Reichsten und Mächtigsten der Welt ihr Stelldichein geben, nirgendwo mächtig, niemals protzig. Es ist ein Musterbeispiel dafür, wie man Natur mit Architektur landschaftserhaltend versöhnen kann.

   

Die Farben des zeitlosen Costa Smeralda-Stils spiegeln die Landschaft, weiß und azurblau bestimmen das Bild. Als Bauelemente dominieren Granit und uralte Ginsterbalken, wie man es in der Umgebung findet. Die Dächer sind, der unnachahmlichen antiken Patina wegen, fast ausnahmslos mit uralten Dachziegeln gedeckt. (Für Sarden hat es sich damals gelohnt, ihre Häuser neu einzudecken, um die alten Ziegel mit hohen Gewinnen an die Costa Smeralda zu verkaufen.) Die Gebäude wirken unsymmetrisch, so als habe kein Architekt dabei mitgewirkt. Arkadenbögen und runde Spitzen verbinden und umspielen Plätze und Häuser. Buntglas schließlich sorgt für das optische I-Tüpfelchen.

Alles, Straßen und Plätze nicht ausgenommen, ordnen sich diesen Stilvorgaben unter, und so ist es denn kein Wunder, dass hier durchgehend allerhöchste ästhetische Ansprüche erfüllt werden, ohne irgendwo auch nur im Entferntesten steril zu wirken.

Paradebeispiele sind die Kirche von Stella Maris, die weltberühmten Hotels von Porto Cervo (Romazzino, Liscia di Vacca, Cala di Volpe) sowie die Privatvillen  der Reichen und Schönen zwischen Cala di Volpe und Liscia di Vacca.

All das ist zwar nicht mein Sardinien der Sarden. Sehenswert aber ist es allemal.

   

Mit einem sardischen “Adiosu” verabschiedet sich für heute

Joachim Waßmann

 

 

 

 

 

Frage oder Kommentar schreiben

E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *