wassmann_kommentiert_noDon Camillo und Peppone sind Antagonisten vergangener Zeiten. Wirklich? In Sardinien leben sie weiter! Hier der Beweis in La Nuova Sardegna vom 21. Oktober 2014:

Was war passiert?

In Gesico, einer Ortschaft mindestens so abgelegen wie Hintertupfing, liefern sich Pfarrer und Bürgermeister regelmäßig Gefechte nach Art von Don Camillo und Peppone. Dabei spalten sie die Gemeinde in uralte Ultra-Katholiken und eine Laizisten-Mehrheit, die man am besten mit „schweigend“ bezeichnet. Stein des Anstoßes ist die Schnecken-Kirmes*, die Bürgermeister Rodolfo Cancedda gegen den Widerstand von Pfarrer Don Pretta zur Förderung von Schnecken und Tourismus begründet hatte. Das Fest wird seit 1992 jedes Jahr – absichtlich oder nicht – so terminiert, dass es mit dem Kirchweihfest kollidiert. Dem Pfarrer Don Pretta ist das weltliche Vergnügen ein Dorn im Auge, lenkt es doch von seinem, dem wirklich wichtigen Fest ab, und weil ihm das Seelenheil seiner Schäfchen ein Herzensanliegen ist, zieht er zur „Sagra della Lumaca“ immer wieder gegen mangelnde Gottesfurcht zu Felde. In diesem Jahr mit einem besonders skurrilen Einfall:

Eine Streitschrift, an die Kirchentür genagelt wie seinerzeit Luthers 95 Thesen!

Ob der katholische Kirchenmann Martin Luther als Vorbild hatte, darf getrost bezweifelt werden. In jedem Fall aber wollte er wie dieser zur Abkehr von Unzucht und Umkehr rufen. Sexuelle Ausschweifung beginnt bei ihm dabei schon am Knie: „Der Rock muss das Knie berühren. Zwingt den Pfarrer nicht, euch aus der Kirche zu jagen. Dies ist ein heiliger Ort. Achtung!“

Um jedwede Diskussion im Keime zu ersticken, zierte er sein Pamphlet mit einer Zeichnung, die unmissverständlich verdeutlicht, wo des Rockes No-Go-Linie verläuft. Während die kleine Katholen-Koalition lautstark Beifall bekundete, war aus dem Lager der Gegner des Erlasses nichts zu hören. Don Pretta ist halt eine Autorität, die sich notfalls auch über andere Maßnahmen Respekt zu verschaffen weiß. Der Bürgermeister Rodolfo Cancedda beließ es dann auch bei einem sehr diplomatischen Kommentar: „Der Kreuzzug des Herrn Pfarrer gegen die kurzen Röcke ist altmodisch und rückwärtsgewandt. Wir schreiben das Jahr 2014. Auch wenn ich den Erlass missbillige, muss er respektiert werden. Schließlich hat der Pfarrer in der Kirche Hausrecht.“

Don Pretta hüllt sich neuerdings in Schweigen: Von der Redaktion der „La Nuova Sardegna“ angerufen, gab er an, nichts kommentieren zu wollen. Aber: Zum Ende des Volksfestes hat er das beanstandete Verdikt entfernt. Späte Einsicht, oder Gong zur nächsten Runde?

Man darf gespannt sein, was er sich als Nächstes einfallen lässt …

Mit einem sardischen “Adiosu” verabschiedet sich für heute

Joachim Waßmann

* Gesico gehört zu den elf Gemeinden in Italien, die eine Schnecken-Kirmes veranstalten. Sie hat in diesem Jahr am 11. / 18. und 19. Oktober 2014 stattgefunden. Die Schneckenproduktion ist in Gesico ein bedeutsamer Wirtschaftszweig, der mit diesem Fest gesponsert werden soll.