Weil Heiraten so schön ist, soll es hier noch einen Beitrag zum Thema geben. Ich hatte schon beschrieben, dass für EU-Bürger das Heiraten auf Sardinien nicht komplizierter ist als in Deutschland. Darum beschloss mein Freund Rodger, laut Pass Großbritannier, aber seit Jahrzehnten in Hannover ansässig, auf Sardinien seiner angebeteten „Principessa“ das Ja-Wort zu geben. Die Brautleute kauften also Eheringe, ließen den 15.7.2012 als Tag der Eheschließung eingravieren und baten mich, keinen geringeren als den Bürgermeister von Budoni für die Zeremonie zu gewinnen. Alles lief planmäßig, aber dann kam alles anders.

„Ich bekomme mein Ehetauglichkeitszeugnis nicht“, gestand mir Rodger wenige Tage vor der Hochzeit. „Das kann doch nicht sein“, antwortete ich. „Deine Braut trägt den Beweis deiner Tauglichkeit doch auf dem Arm! Ein gemeinsames Wunschbaby sagt doch alles!“ Was war passiert?

Sonderfall Großbritannien! Die Tommies kennen kein Einwohnermeldeamt, und um sicher zu sein, dass der liebe Rodger nicht noch anderweitig das eine oder andere Eheweib hat, bedarf es im Kontext der EU-Formalitäten einer aufwändigen Prozedur. Sicher ist eben sicher! Dafür aber war der 15. Juli als Termin zu kurz gegriffen, und so standen wir nun da mit gravierten Eheringen, einem Bürgermeister auf Abruf, einer vorbestellten Feier im hochnoblen Cala di Volpe und … einem eheuntauglichen Bräutigam!

Als Ausweg entschied sich Rodger zu einer Trauung ohne Behördensegen; denn, wie wir wissen, werden Ehen ohnehin im Himmel geschlossen. Hinzu kam, dass weder Bürgermeister noch Festbankett abgesagt werden sollte. Er hatte gar keine andere Wahl. Schließlich waren als Trauzeugen Freunde von ganz weit her, nämlich aus Neuseeland und Tasmanien angereist.

Heiraten-auf-SardinienDie reduzierte Trauung hatte aber einen entscheidenden Schönheitsfehler; denn der Bürgermeister machte uns unmissverständlich klar, dass er uns gern empfangen wolle, aber nicht in der Lage sei, die Zeremonie des Ringaustauschens durchzuführen. Das ließen die Vorschriften nicht zu, erklärte er mir, als ich ihn umstimmen wollte, und ich als Deutscher müsse das mindestens so gut verstehen wie er. Kein Bitten, kein Verweis auf Ermessensspielraum und Ausnahmeregelung verfang: Er blieb dabei!

Der Ringtausch musste daher ohne amtlichen Segen durchgeführt werden. Aber wie, und wo? Im Ferienhaus, am Strand, im Pinienhain, vor dem Rathaus in Budoni? – Rodger und Antje entschieden sich für den Strand. Früh am Morgen und vor aufgehender Sonne sollte es sein. So richtig gefiel uns das nicht, und darum dachten wir angestrengt über ein schöneres Umfeld nach. Irgendjemand kam auf die Idee des „Pozzo Sacro“!

Das sind, in Sardinien vielfältig anzutreffen, vorgeschichtliche Kultstätten mit Heiligtümern, an denen die Ur-Sarden die verschiedensten Zeremonien zelebrierten. Wer sagt, dass da nicht auch Hochzeitszeremonien abgehalten wurden? Bestimmt wurden sie das! Na klar, das war das ideale Umfeld!

Flugs wurde heimlich „Su Romanzesu“* mit seinem Heiligen Brunnen für die Feier ausgewählt und vorbereitet. In einer Mauernische des Brunnens wurde Champagner auf Eis gelegt, und ein Bekannter wurde als „Organist“ organisiert. Der musste auf ein verstecktes Kommando hin den DVD-Player anschmeißen.

Als wir die Anlage „Zu Romanzesu“ betraten, ahnten die Beiden schon, wie es weitergehen würde.Heiraten-auf-Sardinien_01 Zielstrebig führten wir das Paar in den Pozzo Sacro und eröffneten die Zeremonie. Musik ab! Eigentlich hätte an dieser Stelle der pompöse Hochzeitsmarsch von Mendelssohn-Bartoldy erklingen müssen. Wir zogen jedoch das eher ernüchternde „Liebeslied“ aus der Dreigroschenoper vor, weil es viel besser passte. Im Text findet sich nämlich die Zeile „… und gibt´s auch kein Schriftstück vom Standesamt, und keine Blumen auf dem Altar“, und das passte wie die Faust aufs Auge und musste erwähnt werden. Aber dann wurde es feierlich.

Es folgten die sehr bedachten Ansprachen der Trauzeugen. Ich verzichte auf die Wiedergabe des Inhaltes, merke aber an, dass an dieser Stelle der heilige Ort zu wirken begann: Uns allen, selbst dem als „knallhart“ bekannten Rodger, wurde es feucht um die Augen. Ich selber hatte Mühe, den Schluss meiner Worte für die Brautleute nicht in Schluchzen untergehen zu lassen. Es folgte der Ringtausch, musikalisch begleitet von einem der Herzstücke deutscher Romantik: „Es war als hätt´ der Himmel, die Erde still geküsst“. („Mondnacht“ von Eichendorf in der Vertonung von Robert Schumann.) Erst der Champagner-Umtrunk löste das ehrfurchtsvolle Schweigen, erst das Gläserklingen die feierliche Spannung.

Alle waren sich einig: Keine Standesamt, keine Kirche, nichts aber auch rein gar nichts kann diesen Ort als Hintergrund für eine Eheschließung toppen! Und darum tragen die Eheringe der beiden als Gravur völlig zu Recht den 15. Juli 2012, obwohl das nach internationalem Recht gar nicht das „richtige“ Datum ist.

Mit einem sardischen “Adiosu” verabschiedet sich für heute

Joachim Waßmann