Ganz Sardinien steht in Flammen, weil es die Tradition so will! Allein in Budoni brennt es am 17. Januar an 15 Stellen, wenn das Antoniusfeuer entzündet wird.
Auf Sardinien hochgerechnet ergibt das Tausende von brennenden Scheiterhaufen, mit denen der heilige Antonius gebeten wird, Krankheit von Mensch und Vieh fernzuhalten. Ein kirchliches Fest also. Die Wurzeln aber weisen in die Vorzeit, und das merkt man dem Ritual auch an. Mir ist bei dem brennenden Scheiterhaufen, das muss ich gestehen, ob des heidnisch-archaischen Charakters jedes Mal aufs Neue unheimlich zumute.

Gleich nach dem Dreikönigsfest wird damit begonnen, Holz zu sammeln. Noch heute wird dann in manchen Ecken der Insel bis zum Antoniusfeuer nicht gearbeitet, sondern alle Energie dem Fest und dem Feuer gewidmet. Daran mag man die große Bedeutung für die Sarden erkennen.

Zur Tradition gehört, schon Monate vor dem Fest überall dort Reisigbündel abzustellen, wo für die Versorgung produziert wird. In Ställen also, in Gärten, Weinbergen und am Feldrand. Diese Rutenbündel*, die ja auch im alten Rom eine Bedeutung hatten und im Wort „Faschismus“ bis heute präsent sind, sollen alles Unheil anziehen, das Mensch und Tier treffen kann. Wurden sie dann verbrannt, sorgte das Feuer für die Vernichtung des ihm anhaftenden Übels. Das sei der Ursprung des Festes, erklärte mir vor fast 40 Jahren der damals über 100 Jahre alte, erblindete Davide, der in seinem Ort als Seher und Weiser verehrt wurde. Neudeutsch würde man wohl „Schamane“ zu ihm sagen.

Im Mittelalter hat die Kirche das Fest christianisiert und auf dem Scheiterhaufen ein Kreuz platziert. Unverändert aber wird das Übel verbrannt und das Feuer dafür gesegnet. Der heidnische Ursprung wird sichtbar daran, dass das Feuer keineswegs nur am Festtag des Heiligen entzündet wird, sondern auch an Tagen kurz davor oder danach.

Jeder Bauer, jeder Hirte trägt also sein „Unglückbündel“ zum Richtplatz in die Nähe einer Kirche oder Kapelle und schichtet es dort auf. Damit richtig viel Unglück verbrannt wird, kommen noch viele „unbelastete“ Reisigbündel dazu. Ganz oben auf dem Holzstoß wird ein mit Orangen bestücktes Kreuz platziert. „Warum das“, fragte ich? – „Die Apfelsinen sollen eine Krankheit darstellen,“ wurde mir bedeutet. Welche das war, konnte mir keiner, auch der alte Davide nicht beantworten. Lange Zeit habe ich das nicht geglaubt. Warum um alles in der Welt sollen Orangen eine Krankheit symbolisieren?

Erst bei den Recherchen zu diesem Blog habe ich beim Googeln nach „Antoniusfeuer“ zufällig des Rätsels Lösung gefunden. AntoniusfeuerDie „unbekannte“ Krankheit ist eine Seuche, Ergotismus genannt! Die hat von der Antike bis in die Neuzeit eine ähnlich üble Rolle wie Pest und Cholera gespielt, muss also in die großen Epidemien eingereiht werden. Zum Erscheinungsbild gehören Entzündungen und Ausschläge. Weil die Seuche damals allgegenwärtig war, hat Matthias Grünewald im Isenheimer Altar einen daran Erkrankten gemalt. Ihn betrachtend, standen mir die Apfelsinen plötzlich plastisch vor Augen: Das war´s! Ich hätte zwar Him- und Brombeeren als Geschwür größere Ähnlichkeit zugebilligt, aber die gibt es zum Fest des Heiligen Antonius nun einmal nicht. Da sind nur die Zitrusfrüchte reif. Darum wird das Kreuz wohl jahreszeitlicher Gegebenheiten wegen mit Orangen „infiziert“.

Am Tag des Festes wird dann nach Anbruch der Dunkelheit der Scheiterhaufen in Brand gesteckt. Während er entflammt, veranstaltet der Pfarrer eine Gebetsprozession. Genau dreimal umkreist und segnet er das Feuer, damit Krankheit von Mensch und Tier entfernt werde.

Derweil verteilen die Frauen des Dorfes das Sankt-Antonius-Gebäck an die Teilnehmer, das zuvor im Kreise der Familie gebacken wurde. Eine Art Brezel ist das, wenig wohlschmeckend, die Speisung der Armen symbolisierend. Man muss es annehmen und sich mit einer Formel bedanken, will man in Zukunft nicht von Krankheiten geplagt werden. Nach wenigen Minuten schon hatte ich mich so oft bedanken müssen, dass ich nicht mehr wusste, wie ich der Armenspeisung Herr werden sollte. Ich entsorgte alles diskret in meinem Auto und nahm mir vor, später damit die Hühner des Nachbarn zu segnen.

                    

Wenn das Feuer das Kreuz mit seinen Orangen erreicht und verschlingt, brandet lauter Beifall auf. Das ist schon fast das Ende des offiziellen Teils. Fast, aber nicht ganz; denn was wäre ein sardisches Fest ohne Schmaus, Wein und Gesang? Und so trifft man sich auch hier anschließend zum feucht-fröhlichen Beisammensein.

Traditionell wird „favelardo“ gereicht. Das ist ein Essen, das ich aus dem Englischunterricht als „pork and beans“ kannte. Hier plötzlich begegnete mir dieses urkanadische Holzfälleressen! Waren vielleicht die ersten Holzfäller in der Neuen Welt Sarden? Ich hatte keine Zeit, dieser Frage nachzugehen. Dicke Bohnen mit Speck! Herrlich! Dazu trinkt man nicht nur schweren Rotwein, sondern selbstverständlich auch das eine oder andere Glas „filu e ferro“*, womit eine andere Brücke nach Amerika geschlagen wird, nämlich in die Zwanzigerjahre und die Prohibition*.

Ich habe es mir, wie immer in Sardinien, auch beim Fest des heiligen Antonius richtig gut schmecken lassen.

Mit einem sardischen “Adiosu” verabschiedet sich für heute

Joachim Waßmann

*Rutenbündel, lat. fascis, half den privilegierten Dienern (Liktoren) hoher Würdenträger im antiken Rom, alles aus dem Weg zu räumen, was denen unterwegs im Wege war. Damit stiegen die Liktoren selber zu mächtigen Beamten auf, und die Fascis, verbunden mit dem Beil als Zeichen der Macht über Leben und Tod, avancierte zum Symbol sich auf Rom berufender Macht. (Mussolini hat es verwendet, aber auch die USA und Frankreich.) Die Parallele zu meinem Thema: Rutenbündel beseitigten im alten Rom und in Sardinien Unliebsames, entweder durch die Liktoren oder das Feuer.

*Filu e ferru“ ist eine Drahtschlinge. Das Brennen von Alkohol ist auch in Sardinien an Lizenzen gebunden, die des Schreibens und Lesens unkundige Grappa-Spezialisten natürlich nicht beantragen und schon aus diesem Grunde nicht bekommen konnten. Was tun? – Sollte man nur wegen eines Papierwischs den schönen Traubentrester verkommen lassen? Nein natürlich nicht! Also wurde lizenzfrei gebrannt, und um das Schwarzbrennprodukt vor Augen und Nasen schnüffelnder Beamter zu verbergen, wurden die Schnapsbuddeln einfach … verbuddelt! Hier kommt filu e ferru ins Spiel: Um das Wiederauffinden zu erleichtern, bekamen die Flaschen eine Schlinge verpasst, deren Ende ganz unauffällig aus dem Erdreich ragte. War die Gefahr gebannt, reichte ein kurzer Ruck. Korken ab, und schon konnte man steuerfrei etwas für die Verdauung tun! Dieser Brauch hat sich bis heute erhalten. Es gibt wohl keinen Winzer in Sardinien, der nicht ein paar Drahtschlingen vergraben hat.

*Prohibition: Ein in den USA wirksames Gesetz von 1920 – 1933. Es verbot die Produktion und den Vertrieb von Alkohol. Man kann es als Steilvorlage für die amerikanische Mafia betrachten, die die sich ergebende Marktlücke kreativ „abzufüllen“ verstand und daran so gut verdiente, dass ihr Aufstieg unaufhaltsam wurde.