Inside Sardinien

Beim Begriff „Sardinien“ assoziieren wir Sonne, Sand, Strand und Meer. Jeder denkt natürlich sofort an die Traumstrände, das karibikgleiche Meer und Ferien vom Feinsten. Insider gehen etwas weiter und schließen auch das „Sardinien der Sarden“ ein, über das ich in meinem Blog berichte. Kaum beachtet wird, dass Sardinien eine Flagge hat, auf die jeder Sarde stolz ist, die trotzdem aber Fragen aufwirft. Es geht um die „Bandiera dei Quattro Mori.“

Übersetzt heißt das: „Flagge der vier Mohren“. Hier stock´ ich schon. Ich kann den Mohr nicht so einschätzen. Muss ich ihn anders übersetzen? (Frei nach Goethe)

Mir fällt Shakespears „Mohr von Venedig“ ein, der süße Sarotti-Mohr, das Lied von den „zehn kleinen Negerlein“, der „Negerkuss“ und Pippi Langstrumpfs Vater, der ja bekanntlich „Negerkönig von Afrika“ war. Die heißen heute allesamt anders. Ist „Mohr“ dann noch erlaubt, wenn schon jeder Neger- zum Schaumkuss umbenannt wurde?

Oder sind die vier Mohren in Wirklichkeit gar keine?

Die „Bandiera dei Quattro Mori“ hat genau vier dieser Wie-soll-ich-sie-nennen verewigt. Den Sarden gefällt ihre Flagge so gut, dass sie vielseitige Verwendung erfährt. So verziert beispielsweise auch Sardiniens beste Brauerei seine Flaschen damit.

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Eigentümlich ist, dass es mehrere Varianten der Flagge gibt. Mal blicken die Köpfe nach rechts, mal nach links. Mal tragen die Menschen darauf eine Kopfbinde, mal eine Augenbinde. Das geht natürlich nicht.

Um das Chaos zu entwirren, hat im Jahr 1999 die politische Führung verfügt, dass die „amtliche“ und damit alleinseligmachende Flagge die oben abgebildete sein soll. Das war nach Meinung meiner Freunde ein „typischer Politiker-Schnellschuss“, weil „wie immer“ etwas beschlossen worden sei, ohne zuvor gründlich zu recherchieren. Kritische Auseinandersetzung mit den historischen Wurzeln der Bandiera begründen tatsächlich Zweifel:

Die sind zweifelsfrei im Mittelalter zu verorten. Unstrittig ist, dass die roten Linien das Georgskreuz darstellen. St. Georg war ein besonders im Mittelalter beliebter Heiliger und diente den Kreuzfahrern als Symbolfigur. Welche Rolle aber spielen die vier Mohren in diesem Konzept? Ganz einfach, wird behauptet, die Mohren symbolisieren die Gegner der Kreuzritter,  Mauren aus Nordafrika. Das Kopftuch weise sie als Gefangene aus.

Das könnte passen. Nur: Die Kreuzritter kämpften, wie jeder weiß, nicht in Sardinien. Und: Die Mauren, in Nordafrika beheimatet, hatten mit den Kreuzzügen nur wenig mit zu tun. Diese These ist also unwahrscheinlich. Die Reibungsfläche zwischen Mauren und den Christen war nicht das Heilige Land, sondern Spanien! Das hatten sie erobert, entwickelt und zivilisiert.

Wie kommen das St.-Georgs-Kreuz und die Mohren wirklich in die Flagge Sardiniens?

These Nr. 2 verweist auf eine Legende, nach der König Peter I. von Aragon im Jahr 1096 eine Schlacht gegen die Mauren nur darum gewann, weil in einer entscheidenden Phase St. Georg in den Kampf eingriff und vier Mauren köpfte. Hier passt beides zusammen.

Da zu dieser Zeit die muslimischen Sarazenen als Piraten das Mittelmeer und auch Sardinien unsicher machten, habe man zur Abschreckung die Flagge mit den geköpften Mohren erfunden und auf den vielen Wachtürmen platziert, die überall in Strandnähe zu finden sind. Jetzt handelt es sich bei den Mohren um Geköpfte, die Einzug in die sardische Landesflagge gefunden haben. Eine abenteuerliche Version!

Trotzdem könnte man sich damit anfreunden, wenn denn die Schlacht in Sardinien stattgefunden hätte. Es ist aber verbürgt, dass die Auseinandersetzung in und um Spanien geführt wurde. Sardinien hatte rein gar nichts damit zu tun. Einziges Argument pro: Der spanische Regent war in dieser Zeit gleichzeitig auch König von Sardinien.

Eine weitere Theorie will wissen, dass die vier Mohren vier Siege der katalanisch-aragonesischen Streitmacht über die Araber darstellen. Dabei gewann man  Saragossa, Murcia, Valencia und Mallorca für die spanische Krone. Diese vier neuen Reiche soll die Fahne symbolisieren.Auch das macht wenig Sinn.

Welchen Grund sollte Sardinien haben, daraus „ihre“ Flagge zu schneidern? Außerdem: Das Verdienst der Befreiung von den Mauren haben nicht die Spanier, sondern die Genueser und Pisaner, die im Jahr 1016 auf Bitten des Papstes in Sardinien intervenierten. Und warum sollte man in der Flagge die vier neuen Reiche ausgerechnet durch deren Todfeinde symbolisieren?

Eine andere Deutung bringt Byzanz ins Spiel. Sardinien gehörte noch im 9. Jh. zum oströmischen Reich. Allerdings dämmerte Sardinien unter Byzanz in einem Dornröschenschlaf dahin; denn die im fernen Konstantinopel mit sich selbst beschäftigen Byzantiner waren in dieser Zeit schon viel zu schwach, als dass sie noch Einfluss auf die Insel hätten nehmen können. Sardinien war sich daher selbst überlassen. Erstmalig entstanden in diesem Machtvakuum politische Strukturen, die zu Selbstverwaltung und Autonomie führten. Vier Distrikte bildeten sich heraus, denen jeweils ein Richter als oberste Autorität vorstand. Sie sind darum als „Judikate“ in die Geschichte eingegangen.

Es ist schwer vorstellbar, dass sich die Judikate nicht eigene Wappen geschaffen hätten. Wenn das so ist, dann liegen die Ursprünge der ersten sardischen Flagge weder bei den Kreuzrittern noch bei den Spaniern. Sie reichen weiter zurück in die Zeit der Judikate. Damit dürften alle obigen Theorien falsch sein.

Was aber läge für die neuen Herren der Insel näher als ein Wappen zu wählen, das die vier Judikate darstellt? Alles spricht dafür, nichts dagegen, und damit steht für mich und meine Freunde fest: Die Flagge stellt die vier Judikate dar.

1. Sie bedient sich des Kreuzes vom Heiligen St. Georg, weil sich der Popstar unter den mittelalterlichen Heiligen als Integrationsfigur pässlich anbietet. Außerdem zeigt auch die Standarte des Kaisers von Byzanz das Georgskreuz. Man darf daher unterstellen, dass die Judikate bei der Gestaltung Ihrer Flagge so geschichts- und traditionsbewusst handeln wollten, wie alle „Flaggenentwickler“ das tun.

2. In jedes Feld wurde dann für jeden Richter genau eine Justitia platziert. Das ist, wie wir wissen, die Dame mit der Augenbinde, die blind sein will, um unbeeinträchtigt von allen Einflüssen Recht sprechen zu können.

Da auch die Flaggenvariante mit der Augenbinde überliefert ist, darf man die Interpretation, es handele sich um Mohren mit Kopfbinde, getrost ins Reich der Fabel verweisen. Wenn nämlich die Mohren wirklich maurische Krieger wären, würde man sie martialisch abbilden, nicht aber mit einem freakigen Stirnband! Den Mauren dieses Tuch zu verpassen, macht auch darum keinen Sinn, weil es ein Acessoir ohne Bedeutung wäre. Symbolkraft aber ist für die Flaggen aller Staaten dieser Welt das A und O. Selbst kleinste Details haben eine Bedeutung.

Mithin: Die eigentlich richtige sardische Flagge müsste die vier Judikate und je eine Justitia mit verbundenen Augen abbilden!

Wenn das so ist, würde Sardinien zwar immer noch unter einer schönen, leider aber falschen Flagge segeln!

Mit einem sardischen “Adiosu” verabschiedet sich für heute

Joachim Waßmann

 

Bleibt zum Schluss noch die Eingangsfrage zu beantworten. Muss man „mori“ anders übersetzen?

Ja, man muss! Unbedingt: Man darf „Mohren“ heutzutage nicht mehr – wie in dem uns bekannten Buch vom Struwwelpeter – zur Abschreckung benutzen und als Geköpfte ausgerechnet auf einer Landesflagge abbilden. Aber wie? – Ich weiß es nicht. Wissen Sie´s?

Ob die Sarden jemals ihre „mori“ umdeuten werden, bezweifle ich. Die sind da weit unverkrampfter als um political correctness ringende, deutsche Sprachverbesserer.

 

 

 

 

2 Kommentare zu “Unter falscher Flagge?
  1. M.C.Post am sagte:

    Wohin verschwand in Ihren Ausführungen, der Ohrring der „Mori“,
    als das „freakige“ Stirnband noch, wie es auch heute noch üblich ist bei zu Tode Verurteilten, über den Augen platziert war?

    • Den Ohrringen, die in manchen Flaggen-Versionen auftauchen, bin ich nicht weiter nachgegangen, weil ich ausschließe, dass zum Tode verurteilte Mori Eingang in die Landesflagge Sardiniens gefunden hätten. Die Evidenz spricht meines Erachtens für die vier Judikate mit je einer Justitia. Oder?

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