Dass Völker, Volksgruppen, ethnische Minderheiten oder andere Gemeinschaften für Selbstverwaltung in einem eigenen geografischen Raum eintreten, gehört zu den Grundmustern sozialen Verhaltens. Die Historie kennt etliche, fast immer blutige Beispiele. In Südeuropa sei aus jüngster Geschichte im Umfeld Sardiniens auf die Basken in Spanien und die Korsen in Frankreich verwiesen. Terroristische Anschläge, Bomben und Mord haben bei deren Kampf um Unabhängigkeit zum Alltagsgeschäft gehört. Auch in Sardinien gibt es eine starke Bewegung, die die Unabhängigkeit von der italienischen Staatsgewalt anstrebt, um die angeblich schlechte Verwaltung und die Ausbeutung durch die römische Regierung zu beenden. Der Kampf, das zeichnet die Sarden aus, ist bis heute gewaltlos verlaufen und wurde in diesen Tagen um eine interessante Variante bereichert:

Austritt aus der römischen Republik – Anschluss an die Schweiz!

Wer dabei an einen Scherz nach Art des Aufrufs „Nieder mit den Alpen, freie Sicht aufs Mittelmeer!“ denkt, liegt völlig daneben. Der Initiator, Dr. Andrea Caruso, ist ein durchaus ernst zu nehmender sardischer Patriot aus Cagliari. Und Pazifist ist er auch. Von Bomben und Granaten zur Durchsetzung seines Plans will er nichts wissen. Jede Form von Gewalt lehnt er ab. Er träumt dagegen von demokratischen Strukturen, die selbst einen so aberwitzig erscheinenden Plan realisierbar machen. Die sieht er in der Schweiz schon so gut wie verwirklicht.

Am 16. April 2015 hat er in Cagliari den Bund „Sardinien Schweizer Kanton“ gegründet, und in Lausanne treibt er die Gründung eines Schwesterverbandes voran, getragen von Eidgenossen, die seine Ziele teilen. Auf der Homepage „Cantone marittimo“ beschreibt er seine Ziele, erklärt, sie nur absolut gewaltfrei und basisdemokratisch erreichen zu wollen.

Unumwunden gibt er in einem Interview zu, von Italien und der EU enttäuscht zu sein: „Wir sind weder gegen Italien noch gegen Europa. Kulturell und emotional tragen viele von uns Italien in sich. Dennoch merken wir, dass die Beziehung nicht mehr funktioniert, wie eine erloschene Liebe. Da ist eine Trennung unausweichlich, frei von Feindseligkeit, aber weiterhin mit Verbundenheit und Respekt.“ Was das europäische Experiment anbelangt: „Es ist außergewöhnlich und ambitioniert, aber leider wurden zu viele Fehler begangen. Inzwischen sind die Ungleichheiten und die Unzufriedenheit zu groß. Sollten wir entscheiden, für uns selbst zu schauen, brauchen wir die EU nicht, fernab von allem und vom Meer umgeben.“

Das klingt nach enttäuschtem Liebhaber, der sich nach einer anderen umschaut. Wie sieht er die Möglichkeit, dass der Traumpartner „Ja“ sagt, die Italiener aber die Scheidung verweigern? Das lässt er nicht gelten: „Wir sehen vielmehr einen Akt der Selbstbestimmung, wie er in der Geschichte immer wieder vorkommt. Früher wurden solche Ereignisse mit blutigen Kriegen herbeigeführt. Heute, in einer zivilisierten Welt, deren bestes Beispiel Europa ist, sollten wir dasselbe Ziel mit den reinsten Prinzipien der Demokratie erreichen. Wir hier werden versuchen, gemeinsam den Willen zu einer demokratisch anerkannten Autonomie zu formulieren. Euch Schweizer bitten wir in der Zwischenzeit, Pro und Contra eines allfälligen Beitrittsgesuchs abzuwägen.“

Tatsächlich führt er starke Argumente ins Feld, den Anschluss an die Schweiz zu erstreben. Über Nacht bekämen die Sarden eine funktionierende Demokratie, eine effiziente Verwaltung und … den Franken! Damit, spekuliert Caruso, ließe sich Sardiniens Wirtschaft zu einem Vorzeige-Kandidaten aufmöbeln. Die Schweizer aber wären endlich nicht mehr ein Land ohne Anschluss ans Meer. Vielmehr könnten die Eidgenossen endlich Ferien an heimischen Stränden machen! Wenn das keine gute Aussicht ist!

Wäre es, lieber Andrea! Es wäre fast so gut wie die Aussicht für die Schweizer auf das Mittelmeer, wenn die Alpen nieder gingen! Es gibt halt Träume, die zu schön sind, um wahr werden zu können!

Mit einem sardischen “Adiosu” verabschiedet sich für heute

Joachim Waßmann