…findet man auf Sardinien ganze Bilder und Geschichten. Dort sind handgefertigte Messer eine Tradition. Die alte Schmiedekunst ist auf der Insel erhalten geblieben und bis heute werden dort Klappmesser in Handarbeit angefertigt. Sehr bekannt ist dafür der Ort Arbus. Hier gibt es sogar ein eigenes Messer-Museum, das Museo del Coltello, in dem das kleinste Klappmesser der Welt zu bestaunen ist. Auch das größte und schwerste Exemplar wir dort ausgestellt. Es hat sogar schon zweimal den Eintrag ins Guinness Buch der Rekorde geschafft. Zunächst 1989 mit einer Länge von 4,85 m als größtes Klappmesser der Welt und 2001 mit 295 kg als schwerstes der Welt. Neben den Rekordmessern gibt es auch jede Menge antike Klingen zu bewundern. Das wichtigste Ausstellungsstück ist aber die Esse (Feuerstelle), in der die entzündete Schmiedekohle zur Erwärmung des Metalls mit Hilfe eines Blasebalgs auf maximale Temperaturen gebracht wurde. Zur Formgebung der Klinge standen dem Schmied (Ferreri) verschiedene Werkzeuge wie Amboss, Zangen, Schmiedehammer und Schraubstock zur Verfügung.
Ein Besuch lohnt sich in jedem Falle in dem wunderschön restaurierten alten Gebäude des Museums in Arbus.

Der Ort Guspini ist ebenfalls auf der ganzen Insel für seine Hirtenmesser bekannt. Die von Hand gefertigten Einzelstücke der Coltelli Guspinesi haben eine leicht runde Klinge und einen Griff aus Hammelhorn. Schaft und Klinge werden in tagelanger filigrander Handarbeit gearbeitet – viele der kostbaren Einzelstücke sind fast zu schade zum Schneiden. Das Coltello Guspinese existiert in zwei Varianten – mit spitzer und mit stumpfer Klinge. Letztere ist auch als sardisches Bergarbeiter-Messer bekannt. Es entstand 1908, nachdem ein Gesetz, das Decreto Giolotti, verbot, in den Bergwerken und Arbeiterunterkünften mehr als vier Zentimeter lange Spitzmesser mitzuführen. In der rauhen Bergarbeitergesellschaft kam es nicht selten zu Aufständen, Streitigkeiten und Messerstecherein zwischen den Kumpels und so wollte man allzu blutige Auseinandersetzungen verhindern. Heute wird das Coltello Guspinese in zahlreichen Messerschmieden und Andenkenläden verkauft.

Natürlich kann man in jedem Souvenirshop an der Küste solche Messer für wenig Geld kaufen. Da das Hirtenmesser bei sardischen Männern aber eine Art Statussymbol ist, gibt man also wenig auf die maschinell gefertigten Messer. Handarbeit muss es sein! Da kann man man auch gerne mal bis zu 300 Euro und mehr für ein anständiges Messer ausgeben. Aufwendig verzierte Klingen und Griffe aus sardischem Mufflonhorn machen ein solches Einzelstück aus. Die schönsten Exemplare bekommt man von Coltelli di Pattada oder kleinen Messerschmieden, wie der Coltelleria L’Arburesa di Francesco Pusceddu in Arbus.

          DSC03538-r          DSC03539-r

Es gibt drei für die Insel typische Messerformen:

Das Pattadesa ist ein Klappmesser mit einem Griff zb aus Mufflon- oder Widderhorn und einer spitzen Klinge. In der Provinz Sassari liegt die Berggemeinde Pattada, wo diese Form der Messer angefertigt werden und deshalb diesen Namen tragen. Die Handwerker gelten dort als die geschicktesten für diese Form.

Das Arburesa Klappmesser kennzeichnet sich durch seine gewölbte Klinge und stammt aus dem Örtchen Arbus, wo auch das Messer-Museum ist.

Das Guspinesa hat eine stumpfe Klinge und galt jahrelang als das Messer der Bergarbeiter. Nach einem Gesetz von 1908 durften diese keine spitzen Messer mehr mit zur Arbeit nehmen, da es häufiger zu Streitereien und Stechereien kam. Dieses stumpfe Messer kommt aus Guspini.

Mir persönlich gefällt das stumpfe Messer am besten, weil es das perfekte Frühstücksgerät ist, zum Beispiel, um sich nach gut deutscher Art auf Sardinien eine Scheibe Brot zu schmieren: Dazu schneidet man – statt sardisch zu brechen – von einem Laib Brot eine Scheibe ab und beschmiert sie z.B. mit Butter und irgendwelchen typischen Brotbelägen.

Das Pattada-Messer dagegen ist mir unheimlich. Es ist scharf wie eine Rasierklinge. Zudem bin ich mehrfach Zeuge gewesen, wie ein schneller, scharfer Schnitt das Leben junger Milchlämmer beendete. „So ist das Leben“, kommentieren meine sardischen Freunde das Geschehen: „Grausam, aber unvermeidlich.“ Ich mag dem nicht widersprechen; denn die niedlichen Tierchen, sardisch am offenen Feuer geröstet, sind, wenn man nicht zur Gemeinde der Vegetarier oder Veganer gehört, drei Feinschmeckersterne wert …

Neben den Messern wird auf Sardinien auch Grillzubehör gefertigt. Die vielen Märkte auf der Insel bieten meist eine große Auswahl an handgeschmiedeten Spießen, Brat- und Grillrosten, Kaminschaufeln und allem, was Sarden und Touristen für das Braten am offenen Feuer brauchen.

Mit einem sardischen “Adiosu” verabschiedet sich für heute

Joachim Waßmann