Unsere Ferienhausgäste sind wissbegierig und unternehmungslustig. Ich erfülle hiermit den Gästewunsch, Tagesausflüge vorzustellen. Der heutige führt nach Arbatax. Startpunkt ist Budoni.

Die Küstenstraße SS 125 gehört zweifellos zu den landschaftlich schönsten der Insel. Ich fahre sie gen Süden. Schon auf den ersten Kilometern wartet sie mit Schmankerln wie dem „Castello della fava“ auf. Die Besichtigung heben wir uns für einen anderen Tag auf. Weiter geht es nach La Caletta. Ab Ortsende führt die SS 125 an ausgedehnten Brackwasserseen entlang. An deren Ende links die Hütte des Fischers, der im vorletzten Jahrhundert vom König Italiens mit dem nur innerhalb der Familie (!) vererbbaren Fischerei-Lehen bedacht wurde. Der King könnte die Rechnung ohne den Wirt gemacht haben: Seine Nachkommen fischen noch heute …

Danach geht es in die Serpentinen, und es wird waldig. Immer wieder aber gibt die Landschaft den Blick auf das Meer frei. Wir passieren Capo Comino und Cala Liberotto. Die Straße verläuft für mehrere Kilometer ohne Höhen und Tiefen. Man wähnt sich in einer Ebene auf Höhe des Meerespiegels, bemerkt dann aber den Irrtum: Unvermittelt fällt die Straße in Serpentinen tief hinab in die Ebene von Orosei.

Vor uns liegen, darin Posada ähnlich, große Plantagen von Zitrusfrüchten, von Wein, von Feldfrüchten. Der Cedrino hat diese Ebene mit seinen Schwemmsedimenten fruchtbar gemacht. Er hat die Einwohner aber auch von seiner Unberechenbarkeit überzeugt. In der Regenzeit überschwemmt er die Plantagen und lehrt regelmäßig all die das Fürchten, die ihre Häuser in seinem Einflussgebiet zu errichten gewagt haben. Die Alten wussten das besser: Sie haben in sicherem Abstand über dem Meeresspiegel gebaut. Darum gibt es hier noch Alt-Orosei mit sehenswerten Kirchen und Palästen.

Wir verlassen die Ebene. Die Straße nähert sich langsam dem Supramonte, gleich geht es ins Gebirge. Bevor nur noch Natur die Szene bestimmt, führt die Straße an den Steinbrüchen von Orosei vorbei. Hier wird allerbester Marmor und Granit abgebaut. Es ist schon beängstigend, wie sich die riesigen Kräne und Abbaumaschinen ins Gestein fressen. Alles links und rechts der Straße ist mit feinem Staub überzogen. Industrie, sage ich mir, muss sein, schafft Arbeitsplätze und Wohlstand. Aber der Abbau bleibt doch eine in die Natur geschlagene, hässlich eiternde Wunde.

Zum Glück verblasst der Eindruck schnell. Links der Straße weist ein Wegweiser nach Ispinigoli, der Tropfsteinhöhle mit dem größten Stalagmit, den Europa zu bieten hat. In vorchristlicher Zeit hat dieser Riesenphallus die Karthager zu mythischen Festen inspiriert, bei denen Jungfrauen geopfert sein sollen. Funde, die den Kultstatus belegen, wurden gemacht. Man ist sich auch sicher, dass die seefahrenden Karthager einen Zugang über das Meer gehabt haben müssen, der bis heute nicht lokalisiert werden konnte. Aber ob die Story mit den Jungfrauen einer Überprüfung standhält, will ich lieber nicht untersuchen. Jedenfalls ist die Höhle heute erschlossen, illuminiert und kann besichtigt werden.

Durch herrliche Natur geht es weiter. Kein Ort, kein Haus stört hier die Landschaft. Ab und an gibt es Hinweisschilder zu archäologischen Sehenswürdigkeiten. Wir lassen sie alle links liegen und erreichen Dorgali. Dahinter mache ich einen Abstecher nach Cala Gonone. Ein kleiner Hafen vor Beginn der Steilküste. Die entzieht die alle Sardinien-Prospekte zierenden Traumstrände vor unliebsamer Entdeckung, denn nur mit dem Boot sind Attraktionen wie die Cala Luna und die einstmals von Mönchsrobben bewohnte Grotte Bue Marino zu erreichen. Einstmals! Wären nicht doch die Touristen gekommen, würde man sie vielleicht noch immer antreffen. Aber so ist das: Natur und Mensch, das geht selten zusammen. So haben auch die Geier, die früher den Supramonte bevölkerten, die Segel, sprich: Flügel, gestrichen. Man versucht sie wieder anzusiedeln. Es scheint zu gelingen. Hoffentlich!

Zurück zur SS 125 und weiter gen Süden. Nur noch Natur bestimmt das Bild. Der so heiß und innig geliebte Meerblick geht verlustig. Berge und Täler schieben sich dazwischen, pochen darauf, auch sehenswert zu sein. Wie Recht sie haben: Kaum irgendwo auf Sardinien gibt es Landschaft, Berge und Natur in dieser Fülle und Pracht! Vorbei am sehr unscheinbaren Einstieg in die Gola Su Goroppu, ein weiterer Superlativ sardischer Natur. Das ist angeblich der engste und steilste Canon, den Europa zu bieten hat.

Weiter! Auf der Passhöhe könnte man noch einen kurzen Stopp machen, um die Bergwelt auf sich wirken zu lassen. Heute verzichte ich darauf. Erst in Baunei meldet sich wieder die Zivilisation. Jetzt geht es bergab. Vor uns öffnet sich wieder – welch beeindruckende Kulisse, was für ein Schauspiel – die schmale Küstenebene mit dem Meer im Hintergrund. Ziel erreicht, vor uns liegt auf einer kleinen Halbinsel Arbatax, der Hafen der 5km entfernten Gemeinde Tortolì.

Zunächst fällt etwas auf, was der auf Natur geeichte Tourist so gar nicht liebt: Die für den kleinen Ort überdimensioniert wirkende Werft! Hier werden, man höre und staune, Plattformen für die Ölförderung gebaut. Ich mag mir nicht vorstellen, wie diese Ungetüme in die Golfstaaten geschleppt werden. Irgendwie müssen sie doch den Suezkanal passieren. Wie das nur gehen soll? Zum Glück brauche ich dieses logistische Problem nicht lösen. Ich will auch gar nicht wieder mit Industrie konfrontiert werden.

Trotzdem komme ich nicht daran vorbei, dass Arbatax seinen Hafen vergrößert hat, um auch noch Anlegeplätze für Fähren vom Festland zu schaffen. In der Bar am Hafen erzählt man mir stolz, dass jetzt Maxi-Fähren aus Civitavecchia hier anlegen, und Gleitboote aus Roms Hafen Fiumicino würden die Strecke in weniger als 6 Stunden bewältigen. Und auch der Flugplatz würde im Sommer Touristen bringen. Ich bedanke mich höflich und frage nach dem Weg zu den roten Felsen.

Um zu den beeindruckenden Prophyrklippen zu gelangen, soll ich vor der Hafeneinfahrt abbiegen. Ich käme dann an einen staubigen Parkplatz mit Panoramaterrasse. Dort würde ich sie sehen, die Wahrzeichen des Ortes. Tatsächlich! Ein unglaubliches Farbspiel entfaltet sich vor mir. Wie die roten Felsen aus dem Blau der See hervorstechen und von der weißen Gischt kontrastiert werden! Allein das lohnt die Fahrt!

Ich setze mich auf die Felsen, vergesse die Werft, den Fähr- und Flughafen, all die von Menschen zu verantwortenden Scheußlichkeiten und genieße den Anblick. Sardinien, du bist einfach nur toll! Ein paar Jugendliche üben sich in Mutproben, indem sie sich von den Klippen in das richtig wild schäumende Meer stürzen. Herrlich! Ein paar Jahre weniger auf dem Buckel, und ich hätte es ihnen nachgetan.

Die Ortsbezeichnung „Arbatax“, fällt mir dabei ein, soll dem Arabischen entlehnt worden sein. Soll so etwas wie vierzehn heißen und auf den von Spaniern wider die Sarazenen errichteten Beobachtungsturm verweisen. Den gibt es noch heute, und er ist sogar noch ganz gut erhalten. Die Araber hätten ihn als den 14. in einer Reihe von Wachtürmen identifiziert und danach den Ort bezeichnet. So ganz unwahrscheinlich ist das ja nicht, die Lokalisierung an vom Meer aus wahrnehmbaren markanten Punkten festzumachen. Andererseits gibt es nichts Morgenländisches in Arbatax. Die ersten bekannten Bewohner dieses Küstenstriches waren weder Araber noch Sarden, sondern Fischer aus der vor Rom gelegenen Insel Ponza! Also doch nur eine gut erfundene Story?

Die behaupteten Touristenscharen hingegen sind Realität. Sie wälzen sich durch den Ort, gerade als ich mich dazu entschließe, irgendwo einzukehren. Verräterisch laden Bars und Restaurants der Bummelmeile mit mehrsprachigen Touristenmenüs. Ich verzichte auf „Pommes mit …“  und beschließe, mich einem Stück sehenswerter Industriegeschichte zuzuwenden. Muss ja nicht alles häßlich sein, was „Industrie“ als Etikett trägt, und Arbatax ist Endstation einer Linie des berühmten Trenino Verde.

Der Zug – eine aus der Frühzeit der Eisenbahn stammendes Kohle-Vehikel – startet von hier, fährt im Schneckentempo auf einer schwindelerregenden Serpentinenstrecke in unzähligen Schleifen durch die Barbagia bis nach Mandas in der Provinz Cagliari. Mit dem Bau solider Straßen ist die Eisenbahn – um Trump zu zitieren – obsolet geworden. Man hat sie trotzdem nicht aufgegeben, sondern als Museumsbahn am Leben erhalten. Ihre Existenz steht zwar auf der Kippe, aber noch fährt sie. Wenigstens in den Sommermonaten. Wie ich höre, gibt es Eisenbahnfreunde, die nur ihretwegen nach Sardinien reisen.

So viel Begeisterung für dieses Relikt aus dem Zeitalter der Industriealisierung mag ich nicht aufbringen. Ich habe genug gesehen. Arbatax ist eigentlich wunderschön. Wenn da nicht einige Schönheitsfehler wären. Einer davon sind die zu zahlreichen Touristen. Leider muss ich mich auch dazu zählen.

Leicht indigniert trete ich die Heimreise nach Budoni an. Jetzt über die Berge, über Nuoro und die Schnellstraße. Gerade noch rechtzeitig, um mir an der Tavernetta eine Portion „Zuppetta di cozze e arselle“ gönnen zu können: Zu Hause in Budoni is(s)t es doch am schönsten!

Mit einem sardischen “Adiosu” verabschiedet sich für heute

Joachim Waßmann