Raubritter und Wegelagerer sind Geschichte? Gibt es nur noch als Spektakel auf Mittelaltermärkten? Oder wenn, dann allenfalls noch auf Sardinien?

Falsch! Es gibt sie. Auch heute noch. Überall. Wir kennen sie, und manch einer von uns ist ihnen auch schon zum Opfer gefallen, natürlich auch auf Sardinien. Dort haben sie allerdings keinen leichten Stand; denn Sarden wissen sich zu wehren.

Dass es dabei recht rau und ruppig zugeht, ist Thema dieses Blogs. Wegelagerern das Handwerk zu legen ist halt nicht so einfach. Aber alles der Reihe nach.

Es geht, der Leser ahnt es schon, um die Verkehrsüberwachung. Weil es richtig und wichtig ist, Raser und Rowdies zur Raison zu bringen, gibt es seit ein paar Jahrzehnten Geschwindigkeitskontrollen. Das ist gut und richtig. Ich kann mich daran erinnern, dass ich damals die Installation der ersten Blitzer mit einem anerkennenden „Endlich, wurde auch Zeit“ begleitet habe.

Wie sich die Zeiten ändern! Zu loben gibt es kaum noch etwas; denn heute sollen anstelle von Verkehrssicherheit Einnahmen erhöht werden: Blitzer sind zum Finanzierungsinstrument klammer Kassen von Kommunen verkommen. Sie werden kaum noch an Brennpunkten platziert, sondern dort, wo es sich besonders erfolgreich abkassieren lässt. Und als schämte man sich dafür, werden Blitzer möglichst unauffällig gestaltet und verdeckt aufgestellt.

Darüber ärgern wir uns zwar, lassen es aber geschehen. Anders in Italien. Hier haben die Bürger Regularien durchgesetzt. So ist es zum Beispiel unzulässig, Geschwindigkeitsmessungen klammheimlich durchzuführen. Getarnte Blitzer sind verboten. Jede Kontrollstation muss dem Autofahrer vorab angezeigt werden und dessen Notwenigkeit begründet sein. Ist sie das nicht, hat man als armer Sünder vor Gericht gute Chancen.

Nun ist ein Gang vor Gericht in Italien ein mühseliges, zeitraubendes Unterfangen. Außerdem stehen die Sarden Gerichten traditionell misstrauisch gegenüber, weil die Geschichte sie gelehrt hat, dass Richter die Freunde ihrer Feinde sind. Streitfälle trägt man darum lieber ohne sie aus. So auch diesen:

Ich war nicht überrascht, als ich vor 2 Jahren (2015) auf der Schnellstraße von Olbia nach Nuoro eine dieser Blitzer-Vorankündigungen fand. Das kannte ich. Allerdings irritierte mich das kleine Schildchen „media“ darunter. Das machte mich stutzig. Hier sollte also nicht geblitzt, sondern die „mittlere“ Geschwindigkeit zwischen zwei Messpunkten kontrolliert werden. „Unglaublich“, dachte ich, „diese Methode ist bei uns noch in der Erprobungsphase, und hier arbeiten die schon damit. Du musst jetzt Tempo 90 durchhalten, Sch …!“ Kurz danach sah ich den betreffenden Mast mit der auffälligen Kamera, die den Beginn der Messung markierte, ein paar Kilometer danach auch das Gegenstück.

 

Im Folgejahr stand die Anlage zwar noch immer, aber irgendetwas stimmte daran nicht. Auf der Spitze des Mastes fehlte die Kamera! Was war passiert? – Irgendein erboster Bürger hatte ihr mit einem gezielten Schuss aus dem Schrotgewehr den Garaus gemacht. Das überraschte mich nicht. Selbstjustiz hat in Sardinien eine lange Tradition, und unerwünschte Blitzer sind beliebte Zielscheiben verärgerter Jäger. So weit, so klar.

Was diesen Fall bemerkenswert macht, ist nicht die Gewehrsalve. Die ist nur für Mitteleuropäer ungewöhnlich. Als ich von meinen Freunden mehr zum Thema wissen wollte, berichteten sie mir von einem Klüngel, der – was das Strickmuster anbetrifft  – auch bei uns hätte passieren können.

Protagonisten der Posse waren findige Verkäufer auf der einen und Gemeindevertreter auf der anderen Seite. Ein ungleiches Duo, wenn man bedenkt, dass im Verkaufen mit allen Wassern gewaschene Manager gegenüber bleistift-spitzenden Aktenprofis durchaus im Vorteil sind.

Erstere hatten der Gemeinde San Teodoro die Anschaffung des neumodischen Blitzers schmackhaft gemacht: Ihre Bereichskontrolle werde der Gemeinde jährlich einen Millionenbetrag in die Kasse spülen, ohne dass dafür viel getan werden müsse. Die Installation und den Betrieb der Anlage würde die Firma erledigen. Die Gemeinde müsse nur ein Konto für die zu erwartenden Millionen einrichten.

Toll, dachten die Gemeindeväter, Geld für Nichtstun, wandten dann aber ein, dass ihre Bürger die Anlage missbilligen könnten.

Findige Verkäufer sind nie um ein Argument verlegen. Mit diesem Einwand hatten sie gerechnet. Verschmitzt lächelnd wurde dann auch gleich eine Skizze präsentiert, die den geplanten Verlauf der Strecke auf der Landkarte darstellte. Kein Bürger aus San Teodoro müsse sich sorgen, erklärten die pfiffigen Vertreter. Zwischen den beiden Messpunkten befinde sich doch die Ausfahrt nach San Teodoro. Wer dorthin wolle oder von dort komme, werde nur an einer Station erfasst und falle somit zwangsläufig aus dem Messraster heraus. Gut für die Bürger von San Teodoro, schlecht für alle anderen!

Als dann auch noch dem Sohn eines der Betroffenen ein Arbeitsplatz versprochen wurde, war der Deal perfekt. Die Anlage wurde gebaut und ging in Betrieb. Der Rubel rollte. So lange, bis die oben erwähnte Lupara dem Spuk ein Ende setzte.

Der Schuss traf doppelt ins Schwarze: Nachdem er zum einen die Anlage außer Gefecht gesetzt hatte, musste zum anderen gegen Unbekannt ermittelt werden. Dabei kam heraus, dass Unbekannt zwar unerkannt blieb, San Teodoro aber keinerlei Recht hatte, die Anlage zu installieren. Statt den Schützen zu verknacken, wurde die Gemeinde verurteilt: Es setzte eine satte Millionenstrafe, ein paar Köpfe rollten und alle Bußgelder mussten zurückgezahlt werden.

Meine sardischen Freunde freuten sich besonders darüber, dass auch der Schütze sein Bußgeld zurückerhalten hat. Verraten werde ihn niemand. Er sei ein „bravo amico“ und habe den Wegelagerern die einzig richtige Lektion erteilt. Außerdem habe er im Interesse aller gehandelt. Ob ich das etwa bestreiten wolle?

Ich bin die Antwort bis heute schuldig geblieben.

Mit einem sardischen “Adiosu” verabschiedet sich für heute

Joachim Waßmann