Ein Urlauber, gerade entspannt aus Sardinien zurückgekehrt, hatte angefragt, ob es die in meinem Blog vorgestellten Schildkröten noch immer gäbe. „Na klar“, habe ich ihm geantwortet, die würden ja uralt und fühlten sich in meinem Lieblingshaus genau so wohl wie ich. Darum hätten sie bis heute allen Auswilderungsversuchen widerstanden. Er stockte, schien zu zweifeln:

Davon würde er sich gern selber überzeugen. Ich vermutete in ihm einen engagierten Tierschützer und potentiellen Auswilderer. Zu Unrecht. Aus seinem zweiten Sardinienurlaub hat er mir einen Essay geschickt, in dem er sich leidenschaftlich für das Wohl meines Weibchens einsetzt und damit die hoch-aktuelle Debatte um das „Nein ist Nein“ um eine lesenswerte Facette bereichert hat:

Oktober 2017

Das kriegerische Liebesleben der sardischen Landschildkröten
Pong. Pong. Pong. Es hallt dumpf. Und dann wieder: Pong. Pong. Pong. Kurze Pause. Dann krächzende, stöhnende Laute.
Schildköten – Das Symboltier (Wappentier=siehe Blog-Beitrag von Joachim Waßmann) von Sardafit. Vier Tiere. 25-30 cm. Ziemlich gleichgroß. Eine davon – vielleicht ein winziges Stück kleiner wird von einer anderen Schildkröte von vorn blockiert. Der Kopf zuckt hervor und bohrt sich in die Eingeklemmte. Diese zieht den Kopf nach innen. Von hinten begattet ein Anderer die so Festgehaltene. Ein vierter steht daneben und wartet auf seinen Einsatz. Dann wieder katapultartige Rammstöße. Gestöhne.

So geht es weiter, fort und fort. Kurze Pause. Pong. Pong. Pong. Gestöhne. Um die einzelnen Breitrandschildkröten (so die korrekte Bezeichnung) zu unterscheiden, bekommt die Eingeklemmte mit einem Edding ein O auf den Panzer. O steht für Opfer. Blockierer und Begatter bekommen ein T = Terrorist. Der Schlimmste ein ST = Super-Terrorist. So empfinden wir das als Beobachter. Immer wieder wird die O-Schildkröte bedrängt. Der begattende T stöhnt. Wir sind einerseits gebannt – andererseits fassungslos. Drei zu eins. Ein ungleiches Geschäft. Während die drei Jungs sich abwechseln, wird das O-Weibchen ununterbrochen angefallen. Wir schreiten dazwischen. Natur hin – Natur her. Meine Frau, in emanzipatorischen Dingen eher zurückhaltend, ruft jetzt aber „Emma“ auf den Plan. Alice Schwarzer wird zitiert. Die Rechte der Frauen, in diesem Fall, die der Schildkröten-Frauen.

Was können wir tun? Das Opfer retten und freilassen? Aber wohin? Sind die Schildkröten, die seit über 20 Jahren dort leben, noch in der Lage ein eigenständiges Leben zu führen? Und haben es nicht die Terroristen verdient ausgewiesen zu werden? Alle drei? Ein schwieriger Fall. Unsere Meinungen gehen auseinander. Und schon sind wir in unseren Debatten bei geflüchteten Menschen. Wer darf bleiben – wer soll gehen? Im Schildkrötenfall ist es weder die Verfolgung, noch der sprachlich oder religiöse Sachverhalt. Sind es sexuelle Übergriffe, Nötigungen oder ganz „natürliche“ Abläufe?
Fragen über Fragen.

Wir machen eine Abgrenzung und setzen die Opfer-Dame hinein. Natürlich wird Obst, Gemüse und Wasser hinzu gestellt. Drei Tage schläft die Dame. Die Herren zeigen sich kaum. Müssen sie sich nach den wilden Sexorgien erholen?
Am vierten Tag zupft die Dame an dem bereitgestellten Gemüse. Wir lockern die Umrandung. Und schon kommen die Kerle angewetzt. Pong. Pong. Pong. Wir trennen erneut. Nun – ohne Dame geht es aber weiter. Pong. Pong. Pong. Was ist das, fragen wir uns? Ist das der Kampf Mann gegen Mann? Oder sind es sexuelle Alternativen? Ratlos schauen wir uns an.

Unsere Abreise naht. Täglich schauen wir nach „unseren“ Schildkröten. Die Kopulationsversuche sowie die Männertechtelmechtel sind vorüber. Die Situation gefällt uns nicht. Wir Menschen glauben zu wissen was falsch oder richtig ist. Wir schreiten ein, wenn sich Hunde raufen. Wenn sich Menschen streiten ist es meist situationsabhängig. Mische ich mich ein? Oder gehe ich weiter? Was mache ich, wenn ich in der Nachbarschaft Sex höre oder sehe? Gehe ich dazwischen, wenn da jemand stöhnt? Ist es Schmerz, Lust oder Alberei? Können wir das beurteilen?
Die Natur hat ihre eigenen Gesetze. Das wissen wir. Bei Tierhaltung ist das ein schwieriges Feld. Denn einerseits leben mediterrane Landschildkröten in einem größeren Gehege wie hier in Luttuni länger und besser, aber andererseits wissen wir noch viel zu wenig über ein selbstbestimmtes Schildkrötenleben. Von daher, liebe vier Schildkrötenmitbewohner: Verzeiht, wenn wir ein wenig in eure natürlichen Abläufe eingegriffen haben, aber wir wollten weder ausschweifende Sexorgien noch geschlechterspezifische Grundsatzdebatten. Wir wollten lediglich einen tollen Urlaub. Und den hatten wir.

Ist Falk zu Recht eingeschritten?

Zunächst bezweifelt mein Freund Pino, dass das Geschlechterverhältnis 3 : 1 war. Unter den Übeltätern muss demnach wenigsten ein Weibchen gewesen sein. Schlimm, schlimm! Aber sei’s drum: Was Homo Sapiens recht ist, muss Testudines nicht billig sein. Das gilt umso mehr, als seit Urzeiten bei Hominiden und Feminiden* ein „Nein“ mit seinen vielfältigen Untertönen längst nicht immer klare Absage bedeutet, auch wenn der Gesetzgeber das eindeutig geregelt sehen will. Ich vermute darum, dass auch bei der Europäischen Landschildkröte Gesten mehrdeutig sind. Ganz allgemein reicht die Spanne eines Nein von „nein, auf gar keinen Fall“ über „jein“ bis hin zu „ja“ oder gar „jaja gern“.

Falk ist Wissenschaftler und hat anscheinend von Karl Marx gelernt, dass es weniger wichtig ist, wie man die Welt interpretiert: „Es kömmt darauf an, sie zu verändern“. Darum ist er eingeschritten und hat sein Handeln auch gleich im Sinne seines Vordenkers pragmatisch damit begründet, dass sie „lediglich einen tollen Urlaub wollten“. An dem hatten die Schildkröten demnach ihren Anteil. Aber welchen? Das gibt mir denn doch ein Rätsel auf! Honi soit qui mal y pense!*

Mit einem sardischen “Adiosu” verabschiedet sich für heute
Joachim Waßmann

*“Honi soit qui mal y pense“ ist die Inschrift auf dem sog. Hosenbandorden, der zu den höchsten Auszeichnungen gehört, den ein Herrscher des Vereinigten Königreiches vergeben kann. Am besten ist sie vielleicht so zu übersetzen: „Ein Schelm, der Schlechtes dabei denkt!“

* Hominiden und Feminiden: Natürlich ist mir klar, dass die Wissenschaft – bisher – Feminiden nicht kennt. Ich schlage diese Begriffserweiterung hiermit als meinen Beitrag zur Gender-Correctness vor. Schließlich heißt es ja neuerdings auch „Leser und Leserinnen“, „Zuhörer und Zuhöhrerinnen“: Dieser Logik folgend wären „Homi- und Feminiden“ bzw. „Mensch und Menschinnen“ folgerichtig und überfällig.

Salat ist doch ein wahrer Leckerbissen für unsere Schildkröten. Hier ein Video dazu.

Mehr Infos zu Haus 115 unter Sardinienferienhaus.de