Sardinien, das auch als “kleiner Kontinent” bezeichnet wird, ist selbst in Zeiten zunehmender Globalisierung noch eine Welt für sich. Hier haben sich uralte Traditionen erhalten, die es in dieser Form nirgendwo sonst gibt. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel hierfür ist der Canto a Tenore (den ich bereits in einem Kommentar von 2016 vorgestellt hatte), eine spezifisch sardische Musikform, deren Ursprünge bis in die Bronzezeit zurück reichen.

Entsprechend fremdartig klingen diese archaischen Hirtengesänge, die immer von einer Gruppe aus vier Männern angestimmt werden. Anders als die Bezeichnung “Canto a Tenore” vermuten lässt, handelt es sich bei ihnen jedoch keineswegs um vier Tenöre. Das Wort “tenore” steht in diesem Fall für diese spezielle Gesangsform, die mit Tenorgesang, wie wir ihn aus der Oper kennen, rein gar nichts gemein hat. Jeder der vier Sänger hat eine festgelegte Rolle. Es gibt einen Vorsänger (oche), die “halbe Stimme” (mesu oche), die in etwa einer Altstimme entspricht, den contra (Bariton) und den bassu (Bass). Die Klänge, die die vier Sänger erzeugen, scheinen nicht von dieser Welt zu sein und sind mit Worten schwer zu beschreiben. Man muss sie selbst gehört haben. Ein eindrucksvolles Beispiel liefert die Gruppe Tenore Supramonte Orgosolo, die hier eine der Höhlen des Supramonte als natürlichen Resonanzraum nutzt:

Unter Musikwissenschaftlern herrscht Uneinigkeit, wie man den Canto a Tenore klassifizieren soll. Einige ordnen ihn den polyphonen Gesangsformen zu, während andere ihn eher beim Kehlkopf- oder Obertongesang einordnen, wie man ihn beispielsweise aus der Mongolei oder aus Bulgarien kennt. Unstrittig ist hingegen seine kulturhistorische Bedeutung, weshalb der Canto a Tenore von der UNESCO zum immateriellen Kulturerbe erklärt wurde.

Heimatregion des Canto a Tenore ist die Barbagia, die raue, schwer zugängliche Gebirgsregion im Zentrum und im Osten der Insel. Hier lebte seit jeher ein unbezähmbares Hirtenvolk, das sich erfolgreich der Beherrschung durch die Römer entzog und von Cicero im Gegenzug als “Barbaren” bezeichnet wurde, ein Umstand, der die Region ihren Namen verdankt. Noch heute ist die Barbagia eine der am dünnsten besiedelten Gegenden Europas. Hier wird noch vorwiegend die sardische Sprache gesprochen, und auch andere Traditionen, die anderswo längst verloren sind, konnten sich erhalten. Allen Sardinienbesuchern, die auf kurzweilige Art tiefer in die Geschichte und Gegenwart des Canto a Tenore eintauchen wollen, sei ein Besuch im “Museo multimediale del Canto a Tenore” empfohlen. Es befindet sich in dem malerischen Bergdorf Bitti im Hinterland der Badeorte Cala Liberotto und Orosei.

Wie lebendig die Tradition des Canto a Tenore auch heute noch ist, beweisen übrigens die Tenores de Bitti, die bereits mit den Jazzgrößen Lester Bowie und Ornette Coleman sowie den Rockmusikern Peter Gabriel und Frank Zappa zusammengearbeitet haben. Letzterer war ein erklärter Fan des Canto a Tenore, den er liebevoll-spöttisch als “Rindermusik” bezeichnete.

(Foto: Sardegnabella – Own work, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=25945475)