Im Westen von Capo Testa, unweit des nördlichsten Punktes der Insel und etwa vier Kilometer von dem Städtchen Santa Teresa Gallura entfernt, liegt eine der sonderbarsten und malerischsten Küstenlandschaften Sardiniens: Das Valle della Luna (Tal des Mondes). Es ist geprägt von imposanten Felsformationen, die über Jahrtausende von den Elementen zu bizarren Formen modelliert wurden.

Der goldene Farbton des Granitgesteins bildet bei Tag einen prachtvollen Kontrast zum türkisblauen, kristallklaren Meer und dem Grün der Macchiapflanzen, darunter Erdbeerbäume, Myrten und Heidekraut. Einen besonderen, geradezu mystischen Reiz entfaltet das Tal jedoch bei Mondlicht, wenn die Gesteinsformationen zum Leben zu erwachen scheinen und der Granit im fahlen Schein des Erdtrabanten glitzert.

Die besondere Atmosphäre des Tals zog ab 1968 viele Aussteiger und Lebenskünstler an, weshalb es bald europaweit als “Tal der Hippies” bekannt war, die sich in den zahlreichen Felshöhlen oft längerfristig häuslich einrichteten. Heutzutage ist das wilde Campen im Tal zwar verboten, aber besonders in den Sommermonaten wird dieses Verbot oft ignoriert, und so ist hier auch heute noch etwas vom Geist der Hippiezeit zu spüren. In Sommernächten finden hier manchmal noch geheime Raves statt.

Bei Wanderungen durch das Valle della Luna ist festes Schuhwerk empfehlenswert, denn das Terrain ist teilweise schwierig und nicht in Flip-Flops zu bewältigen. Wenn man, besonders während der Hauptsaison, eine einsame Badestelle erobern will, muss man sich abseits der ausgetretenen Pfade halten und sollte nicht vor Kletterpartien zurückschrecken.

Das Granitgestein am Capo Testa wird übrigens nicht nur von der Natur bearbeitet, sondern war über viele Jahrhunderte auch bei Baumeistern sehr beliebt. Im Norden der Bucht von Rena di Levante, östlich des Valle della Luna, befand sich seit der Römerzeit ein Steinbruch. Hier kann man noch die verwitterten Überreste von Säulen und behauenen Steinblöcken entdecken. Im Pantheon in Rom sollen sich einige Granitsäulen aus diesem Steinbruch befinden, und auch am Dom von Pisa fand der Granit aus Capo Testa Verwendung: Hier bilden Säulen aus diesem Material die vier Säulengalerien an der Westfassade.

Auch geologisch ist diese Landschaft spannend: Sardinien ist nämlich erdgeschichtlich sehr viel älter als das italienische Festland. Gemeinsam mit seinem Nachbarn Korsika war es einst Teil des europäischen Urkontinentes. Die Geburt der Landmasse, zu der die beiden Inseln ursprünglich gehörten, liegt unvorstellbar lange zurück: eine halbe Milliarde Jahre! Zu den ältesten Gesteinen gehört dabei der Granit, der einen riesigen Gesteinskörper bildet, der den Inseln heute als Fundament dient und der im Nordwesten Sardiniens zutage tritt. Ob dies nun zur magischen Aura dieser Landschaft beträgt, sei dahingestellt. Eines jedoch ist sicher: Das Valle della Luna ist ein ganz besonderer Ort, der kleine und große Entdecker begeistert und in seinen Bann zieht.

Mit einem sardischen “Adiosu” verabschiedet sich für heute

Joachim Waßmann