Wer im April und Mai auf Sardinien wandert oder spazieren geht, kann mit etwas Glück ein seltsames Schauspiel beobachten: Erwachsene Menschen liegen bäuchlings am Boden oder kauern seltsam verrenkt im Gelände und machen Fotos. Was ist der Grund für dieses merkwürdige Verhalten? Die Antwort mag manch einen überraschen: Sie sind auf der Jagd nach den berühmten sardischen Orchideen.

Bei dem Wort „Orchidee” denkt man zuerst wohl an die tropischen und subtropischen Gewächse, die auch hierzulande manche Fensterbank zieren. Viele wissen jedoch nicht, dass es auch auf Sardinien zahlreiche Orchideenarten gibt, von denen einige sogar nur hier vorkommen. Wer in den heißen, trockenen Sommermonaten auf die Insel fährt, hat allerdings keine Chance, den zarten Pflänzchen zu begegnen, denn die Orchideenblüte beginnt auf Sardinien Ende März und endet im Mai. Die sardischen Orchideen gedeihen in den verschiedensten Landschaften: In der Macchia, auf Feldern, im Wald und in Sumpfgebieten.

Die Pflanzen sind deutlich kleiner als ihre tropischen Verwandten. Unbedarfte Spaziergänger können sie daher leicht übersehen. Wer aber weiß, wonach er suchen muss, wird mit botanischen Entdeckungen in einer Vielzahl von Formen und Farben belohnt. Es gibt über sechzig verschiedene Arten von Orchideen auf der Insel. Die Sarden nennen die anmutigen Gewächse „Sennoricas” (junge Damen), und tatsächlich erinnern die farbenfrohen Blüten an edle Kleidungsstücke aus Samt und Seide, wie sie kein italienischer Designer schöner entwerfen könnte.

Sollten Sie also zur Zeit der Orchideenblüte die Insel besuchen, lohnt es sich, bei Wanderungen die Augen offen zu halten. Vielleicht liegen auch Sie dann bald zur Verblüffung anderer Spaziergänger mit ihrer Kamera am Boden, um diese ganz besonderen fotografischen Souvenirs mit nach Hause nehmen zu können.

Mit einem sardischen „Adiosu” verabschiedet sich für heute

Joachim Waßmann

 

Fotos: Orchi (Creative-Commons-Lizenz); Hans Stieglitz (Creative-Commons-Lizenz); Gideon Pisanty (Creative-Commons-Lizenz)