Hochsommer in Sardinien – da wollen die meisten Besucher der Insel nichts anderes tun, als an einem der unzähligen karibikähnlichen Stränden zu entspannen und im türkisblauen Meer zu baden. Und wer wollte es ihnen verdenken? Auch auf dem Höhepunkt der Badesaison lohnt es sich jedoch, einmal den Blick vom Meer loszureißen und ihn in andere Gefilde zu richten, zum Beispiel nach Sassari, wo jedes Jahr am 14. August, dem Vortag von Mariae Himmelfahrt, ein uraltes religiöses Fest gefeiert wird – die Faradda di li candareri, frei übersetzt “Prozession der Kerzen”.

Wer jetzt an einen stimmungsvollen nächtlichen Umzug bei Kerzenschein denkt, liegt allerdings falsch – die Kerzen, um die es hier geht, brennen nicht, und die Augusthitze kann ihnen nichts anhaben, denn sie bestehen nicht aus Wachs. Es handelt sich um reich verzierte, riesige Holzsäulen, die unter den Klängen von Schalmeien und Trommeln durch die Stadt getragen werden. Jede der elf Kerzen gehört dabei zu einer Berufsgilde, vertreten sind zum Beispiel Steinmetze, Bauern, Tischler, Gemüsehändler und Schuhmacher.

Die Kerzen werden am Morgen des 14. August im Hauptsitz der jeweiligen Gilde feierlich geschmückt. Um 17:00 beginnt die eigentliche Prozession. Vertreter der Gilden tragen die Kerzen, die im Schnitt 400 Kilogramm wiegen – buchstäblich keine leichte Aufgabe. Die Träger, verdiente, ältere Mitglieder ihrer Gilde, schultern ihre kostbare Fracht mittels langer Stangen, die in die viereckige Basis der Kerzen gesteckt sind. Darüber befindet sich der etwa drei Meter hohe, runde Kerzenschaft mit dem Abbild des zuständigen Schutzheiligen. Den Abschluss bildet ein Kapitell,  an dem Banner und 40 Meter lange, farbige Seidenbänder befestigt sind. Die jüngeren Mitglieder halten diese während des Umzuges in den Händen und spannen sie auf, wodurch der Eindruck entsteht, dass jede Kerze von einem bunten Strahlenkranz umgeben ist. Die Kerzenträger tanzen und drehen sich, und nach und nach wickeln sich die Bänder um die Kerzen. Ziel der Prozession ist nach vier Stunden die Kirche S. Maria di Betlem, wo die Kerzenträger zum Abschluss dreimal das Standbild der Madonna umrunden. Damit lösen sie ein Jahrhunderte altes Gelübde ein.

Im 16. Jahrhundert wurde Sassari wiederholt von der Pest heimgesucht, und eine der schlimmsten Epidemien endete der Überlieferung zufolge an einem 14. August, nachdem die Muttergottes um Hilfe angerufen worden war. Seitdem ist die Prozession, deren Ursprung noch weit älter ist (sie geht auf das 13. Jahrhundert zurück) der Madonna gewidmet. Ernst, feierlich und zu Herzen gehend ist dieses Schauspiel heute noch. Seit einiger Zeit wird die eigentliche Faradda dei Candareri aber noch von einigen paar nichtreligiösen Festterminen umrahmt. Bereits am 4. August gibt es einen Umzug von Kindern, die selbstgebastelte Kerzen tragen. Am 10. August folgt der Umzug der Jugendlichen mit Kerzen, die von der Größe her, nicht jedoch vom Gewicht, den echten Vorbildern entsprechen. Am 11. August findet in Sassari ein riesiges Grillfest statt, dazu treten sardische Musiker auf. Am 16. August finden die tagelangen Feierlichkeiten ihren krönenden Abschluss in einem Konzert und einem Feuerwerk.

Sie sehen also: Auch auf dem Höhepunkt des Sommers gibt es ein Sardinien jenseits des Strandlakens. Und was könnte ein schönerer Anlass sein, das Strandparadies temporär zu verlassen, als mit den Sarden zu feiern und die faszinierende Kultur der Insel näher kennenzulernen!

Mit einem sardischen “Adiosu” verabschiedet sich für heute

Ihr Joachim Wassmann

Bilder: Faradda di li candareri  von Gianni Careddu, creative commons; La discesa dei candelieri von Gianni Careddu, creative commons; Kerzenträger in Sassari Anfang des 20. Jahrhunderts, public domain