Auch wenn es vor wenigen Wochen noch undenkbar schien: Der Rekordsommer 2018 geht seinem Ende zu. Doch die kühlere Jahreszeit, die uns nun bevorsteht, hat durchaus auch ihre guten Seiten. Manch eine/r dürfte es beispielsweise begrüßen, dass man seine Röllchen und Pölsterchen jetzt wieder unter gnädigen Textillagen verstecken kann. Da fallen kleine Sünden dann zwar nach wie vor ins Gewicht, aber wenigstens nicht mehr so sehr ins Auge.

Das ist eine gute Gelegenheit, einmal eine ganz besondere sardische Köstlichkeit zu probieren: den Torrone. Streng genommen handelt es sich hierbei natürlich nicht um eine originär sardische Spezialität. Variationen dieses weißen Nougats, der im Grundrezept aus Mandeln, Honig, Zucker und Eiweiß besteht und von den Mauren nach Spanien gebracht wurde, wo er seit dem 16. Jahrhundert hergestellt wird, finden sich auch noch an anderen Orten Italiens sowie in Frankreich und der Schweiz. Aber Sardinien hat seine ganz eigene, stolze Torrone-Tradition, und der sardische Berghonig verleiht dem hier hergestellten Torrone sein unverwechselbares Aroma.

Das Zentrum der sardischen Torrone-Produktion befindet sich in dem auch als “Torrone-Dorf” bekannten Bergdorf Tonara. Das malerische Örtchen liegt im Herzen Sardiniens, in 850 m Höhe inmitten der Bergwelt der Barbagia. Seit 1979 findet hier jährlich am Ostermontag der Sagra del Torrone statt. Hier kann man beobachten, wie die kiloschwere Nougatmasse von den Frauen des Dorfes nach alter Sitte in einem Kupferkessel von Hand gerührt wird – eine stundenlange, anstrengende Prozedur mit köstlichem Ergebnis. Diese mühselige Arbeit übernimmt außerhalb des Torrone-Festivals ein elektrisches Rührwerk, aber ansonsten ist alles noch genau wie früher – die Zubereitung im Kupferkessel und die guten, regionalen Zutaten. Die fertige Masse wird in mit Wachspapier ausgelegte Schachteln abgefüllt, wo sie abkühlt und fest wird. Dann steht dem Torronegenuss nichts mehr im Wege.

Jede Torronai-Familie hat ihr eigenes, über Generationen weitergegebenes Geheimrezept. Varianten gibt es bei der Auswahl der verwendeten Honigsorten, der Nüsse und Mandeln und beim Mengenverhältnis der Bestandteile. Es lohnt also, die Erzeugnisse verschiedener Manufakturen zu verkosten und eine süße Erinnerung an den Urlaub mit nach Hause zu nehmen. Auch als Mitbringsel eignet sich die altertümliche Süßigkeit in den farbenfrohen Schachteln hervorragend. Ganz nebenbei unterstützt man damit auch noch ein in der heutigen Zeit zunehmend bedrohtes Gewerbe. Denn wurde früher der Torronai, der mit seiner süßen Fracht im Pferdekarren von Dorf zu Dorf fuhr, von Jung und Alt sehnsüchtig erwartet, muss er heute mit einer Vielzahl industriell hergestellter Süßigkeiten konkurrieren. Im Gegensatz zu diesen mit Weißzucker und Glukosesirup gesüßten Produkten verdankt der Torrone seine Süße jedoch ausschließlich bestem Honig, der wertvolle Spurenelemente enthält und langsamer ins Blut geht. Gesund und von bester Qualität sind auch die verwendeten Nüsse und Mandeln. Von den Sarden können wir also auch beim Sündigen noch das eine oder andere lernen!

Mit einem sardischen „Adiosu“ verabschiedet sich für heute

Ihr Joachim Wassmann

 

(Bilder: Torrone, Alberto Piso, Creative Commons; Tonara, Public Domain)