Wer schon einmal auf Sardinien war, wird wissen, wovon ich spreche: Man durchstreift ein altes Bergdorf, in dem die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. Man klettert einen Pfad hinunter, und vor einem liegt eine Bucht mit schneeweißem Sand und türkisfarbenem Wasser, das in der Sonne glitzert. Oder man wandert durch die wilde Bergwelt des Gennargentu-Massivs. Und plötzlich ist es da, dieses Gefühl, sich in einem Kinofilm zu befinden, weil das alles einfach zu großartig ist, um wahr zu sein.

Diese filmreifen Qualitäten der Insel sind natürlich auch den Filmschaffenden nicht verborgen geblieben, und so ist Sardinien der heimliche (oder auch nicht so heimliche) Star vieler hier gedrehter Streifen. Die dunkle, kalte Jahreszeit bietet sich an, eine filmische Reise auf die Lieblingsinsel zu unternehmen.

Eine ganze Reihe namhafter italienischer Regisseure hat sich um die Mitte des 20. Jahrhunderts von den Geschichten um Blutrache und um die sardischen Banditen zu Filmkunstwerken inspirieren lassen, die bis heute nichts von ihrer Kraft eingebüßt haben. Den Anfang machte Mario Monicelli 1954 mit Verboten (Proibito), mit Mel Ferrer und Lea Massari in prominenten Rollen. Gedreht wurde in den Dörfern Ittiri, Tissi und Codrongianos. Vittorio de Seta drehte 1961 Die Banditen von Orgosolo (Banditi a Orgosolo) im Stil des italienischen Neorealismus, ausschließlich mit sardischen Laiendarstellern. Der Blauäugige Bandit (Barbagia/La società del malessere) von Carlo Lizzani, mit Terence Hill in der Hauptrolle, ist ein weiterer neorealistischer Film, in dem Banditen und Blutrache im Mittelpunkt stehen. (Vorbild für die Figur des „blauäugigen Banditen“ war übrigens Graziano Mesina, dessen Geschichte ich bereits an anderer Stelle erzählt habe.) Allerdings sollte man, falls möglich, die italienische Originalfassung mit deutschen Untertiteln ansehen, denn in Deutschland wurde Barbagia in einer gekürzten und durch eine alberne Synchronisation entstellten Fassung veröffentlicht – die Filmkunst wurde hier Terence Hills Slapstick-Image geopfert. 

Der große italienische Regisseur Michelangelo Antonioni ließ sich ebenfalls von Sardinien inspirieren – Teile von Die rote Wüste (Il deserto rosso) mit Monica Vitti wurden am berühmten rosa Strand von Budelli gedreht. Strände spielen ebenfalls in Lina Wertmüllers dramatischer Schiffbrüchigenkomödie mit dem sperrigen Titel Hingerissen von einem ungewöhnlichen Schicksal im azurblauen Meer im August (Travolti da un insolito destino nell’azzurro mare d’agosto, 1974) eine prominente Rolle; hier bilden Capo Comino, die Cala Luna und die Cala Fuili am Golf von Orosei die Kulisse. Dort wurde 28 Jahre später auch das Remake des Regisseurs Guy Ritchie mit seiner damaligen Frau Madonna in der Hauptrolle gedreht, der, wie auch schon die Originalversion, den ungleich kürzeren englischen Titel Swept Away trägt. Der Film wurde von der Kritik verrissen und floppte an den Kinokassen.

Ein gigantischer Flop war auch das Drama Boom! (Brandung) von 1968, bei dem der amerikanische Brecht-Schüler Joseph Losey Regie führte. Vielleicht ist es kein Zufall, dass auch hieran ein Ehepaar beteiligt war, nämlich die Superstars Liz Taylor und Richard Burton. Gedreht wurde im Nationalpark von Porto Conte nahe Alghero. Diese dramatische Kulisse wäre Liz Taylor beinahe zum Verhängnis geworden: Der Wohnwagen, der ihr als Umkleideraum diente, löste sich aus seiner Verankerung und stürzte 45 m in die Tiefe, nur Sekunden, nachdem die Diva ihn verlassen hatte.

Nicht überraschen wird es, dass zur Hochzeit des Genres auch einige Spaghettiwestern auf Sardinien gedreht wurden; als Kulisse hierfür war besonders das seltsam mexikanisch anmutende Dorf San Salvatore di Sinis beliebt. Und natürlich hat auch James Bond Sardinien einen Besuch abgestattet  – Schauplätze in Porto Cervo und an der Costa Smeralda bilden unter anderem den Hintergrund für halsbrecherische Verfolgungsjagden in Der Spion, der mich liebte (The Spy Who Loved Me) von 1977, in dem Roger Moore die Hauptrolle spielt.

Sämtliche Filme aufzuzählen, die auf Sardinien gedreht wurden, würde den Rahmen dieses Artikels bei Weitem sprengen. Trotzdem möchte ich noch erwähnen, dass Fans des Sardinienliebhabers George Clooney sich schon einmal auf die Miniserie Catch-22 freuen können, in der neben dem Koproduzenten Clooney mit Hugh Laurie noch ein weiterer Frauenschwarm mitspielt. Die Dreharbeiten fanden Mitte dieses Jahres in Venafiorita bei Olbia statt.

Mit einem sardischen „Adiosu“ verabschiedet sich für heute

Ihr Joachim Wassmann

Bilder: Dreahrbeiten auf Sardinien (Symbolbild), Sean Devine, Creative Commons; Terence Hill, Public Domain; Liz Taylor,  Public Domain; Roger Moore,  Allan Warren, Creative Commons